Nicolai Levin

Home » Gesellschaft » Auf der Flucht

Auf der Flucht

Unsere Politiker, die über die Maßnahmen zur Flüchtlingsaufnahme und deren Begrenzung zu entscheiden haben, sind nicht zu beneiden. Jeden Tag kommen trotz Herbstkälte und bevorstehendem Winter Tausende nach Deutschland.

Die Meinung in der Bevölkerung ist zweigeteilt: Die einen lehnen die Flüchtlinge ab, fürchten Überfremdung, kulturelle Dissonanzen und levantinische Zustände in unserem Land. Bei den anderen reicht die Einstellung von einem hilflosen Schulterzucken, dass man flüchtende Menschen ja schlecht an den Grenzen im Regen oder Schnee stehen lassen kann, bis hin zu einem Enthusiasmus der “Willkommenskultur”. Dabei kommt mir die Begeisterung an manchen Ecken, dass wir uns gefälligst von niemandem in unserer Menschlichkkeit übertrumpfen lassen, schon wieder ein bisschen gruselig und dabei sehr deutsch vor.

In der politischen Landschaft findet jede Meinung ihr Sprachrohr. Die dumpfe Ablehnung dröhnt bei den Kundgebungen von Pegida, AfD und allen anderen am rechten Rand. Unter denen, die man politisch ernst nehmen muss, hat sich Horst Seehofer zum starken Mann der Flüchtlingsabwehrer gemacht. Populistisch war Seehofer ja schon immer; was er nun von Grenzzäunen und Abwehrmaßnahmen schwadroniert, zeigt, dass er zudem dumm ist.

Wer die Menge an Menschen, die derzeit ins Land strömt, aufhalten will, bräuchte Grenzschutzanlagen, wie sie die DDR hatte. Oder man folgt dem Beispiel Amerikas und sehe an die Grenze zwischen den USA und Mexiko, wo die US-Behörden für gewaltige Geldsummen einen monströsen Grenzzaun erbaut haben, den trotz aller technischen Raffinesse der Grenzschützer jede Nacht tausende Migranten unter Lebensgefahr überwinden und so gegen den Willen der Gringos in die Vereinigten Staaten kommen.

Die Kanzlerin hingegen hat — da kommt die Naturwissenschaftlerin in ihr durch — erkannt, dass eine Politik GEGEN die Flüchtlinge zum Scheitern verurteilt ist. Zudem pochte sie, was sie selten genug tut, auf Prinzipien. Christliche Nächstenliebe wurde zu ihrem handlungsleitenden Prinzip.

Bei aller Sympathie für diese Grundhaltung muss sich auch jeder, der die Flüchtlinge mit offenen Armen empfangen will, den Grenzen stellen. Turnhallen wurden einmal gebaut, damit unsere Kinder Sport machen, denn sie sind zu dick und bewegen sich zu wenig. Wer Turnhallen zweckentfremdet, wird auf Verständnis stoßen, solang die Maßnahme zeitlich begrenzt ist; aber irgendwann werden Schüler, Eltern und Lehrer wieder Turnunterricht machen wollen, und es steht zu befürchten, dass die Kriegsparteien in Syrien darauf keine Rücksicht nehmen werden. Die Bereitschaft zu helfen und sich einzuschränken, ist bei vielen da, speziell wenn sie auf einer Welle der Zustimmung reiten. Ob die meisten auf Dauer dazu bereit sind, steht auf einem anderen Blatt. Und mal wieder wird am Ende unserer Großherzigkeit noch eine Menge unversorgtes Elend übrig bleiben.

Wir fordern von unseren Politikern, dass sie Werte vertreten. Zugleich aber sollen sie unseren Wohlstand und unsere Bequemlichkeit verteidigen. Die große Zahl an Flüchtlingen, die zu uns kommt, zu betreuen und zu integrieren verlangt einen Spagat zwischen diesen widersprechenden Anliegen.

Nun sagen einige, wir sollten uns nicht so anstellen. In anderen Ländern sei es viel schlimmer. In der Tat sind die Bilder aus dem Libanon, der Türkei und Jordanien, wo der Löwenanteil der Syrienflüchtigen gelandet ist, erschreckend. Aber das hilft uns ja nichts, wenn in Deutschland aus Skepsis und Scheu erstmal Ablehnung und Hass wachsen. Gegen den Willen einer festen Mehrheit lässt sich keine Willkommenskultur erzwingen.

Die Schlauberger unter Kommentatoren und Kanzelrednern fordern internationale Lösungen. Man müsse sich abstimmen innerhalb Europas und mit den Transitstaaten, damit die Belastungen halbwegs gleich verteilt werden. Außerdem müsse man die Ursache der Flucht beseitigen. Das ist natürlich ebenso richtig wie sinnlos, denn während in Brüssel die Koordinatoren um Quoten ringen, bricht der Strom der Fliehenden nicht ab.

Was die Ursachen angeht, hat mir noch niemand so etwas wie einen plausiblen Friedensplan für Syrien gezeigt. Russen und Amerikaner sind bereit und einig, sich militärisch zu engagieren, aber kommen nicht überein, für wen. Während den Russen Präsident Assad als geringstes Übel erscheint, wissen die Amerikaner und der Westen zwar genau, wer der übelste Bösewicht im Spiel ist (natürlich der Islamische Staat), aber nicht, auf wen sie stattdessen setzen sollen.

Für Europa und Deutschland gilt: Mehr als Reagieren geht zurzeit nicht. Die Scharen an Menschen, die in Südosteuropa auf der Straße sind, setzen die Vorgaben. Sie bilden die normative Kraft des Faktischen, der wir uns zu beugen haben, ob uns das passt oder nicht. Die Kanzlerin hat das früh eingesehen, Horst Seehofer nicht.

Lösungen hat keiner. Wir können nur gespannt sein, wann es wieder Turnunterricht geben wird.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: