Nicolai Levin

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Fernsehen. Ein Nachruf aus aktuellem Anlass.

Was Technik angeht, bin ich bequem und konservativ. Für Details fehlt mir das Verständnis, ich mag meine Zeit auch nicht darauf verwenden, mich über die neuesten Trends zu informieren. Wenn sich was Lohnendes als Neuerung durchsetzt, erfahre ich es früh genug, um zu entscheiden, ob ich das auch brauche.

Ich mag es auch nicht, aus gewohnten Routinen auszubrechen. Wenn mein Arbeitgeber mir einen neuen Laptop oder ein neues Smartphone gibt, bedeutet das für mich erstmal unangenehmen Aufwand. Bis ich alles wieder so eingerichtet habe, dass es mir passt und ich mich an die neue Kiste gewöhnt habe, ist die Nutzungsdauer schon wieder fast zur Hälfte rum …

Das nur zur Einordnung.

Mir ist nämlich aufgefallen, wie wenig ich noch fernsehe. Ich meine so richtig vor dem Apparat das gerade laufende Programm anschaue.

Mein Fernseh-Bildschirm wird von einem HDMI-Kabel bedient, das die Kabelempfangs-Box mit dem Monitor verbindet. Wenn ich vom Laptop aus bewegte Bilder anschaue, stecke ich dieses Kabel einfach um. Raus aus der Kabelbox, ran an den Rechner. Nehme ich den Laptop dann zum Arbeiten mit, liegt das HDMI-Kabel lose am Boden. Es liegt da ziemlich lange und ziemlich oft.

Wenn ichs recht betrachte, schaue ich eigentlich nur noch Fußball im Fernsehen. Vielleicht alle zwei oder drei Wochen mal einen Film. Und hin und wieder Sonntags den Tatort.

Alles weitere kommt aus dem Web: die Mediatheken von ARD und ZDF nutze ich hin und wieder, um Interessantes anzusehen, was zu blöden Zeiten kam (wobei gesendete Kinofilme nicht bereitstehen, wahrscheinlich würde das die Lizenzkosten erhöhen) – das passiert einmal alle zwei Monate oder so.

Der Großteil von Filmen und Serien, die ich sehe, kam bisher von DVD, seit ein paar Monaten haben Netflix und Amazon Prime hier die Nase vorn. Nachrichten hole ich mir aus dem Web, ich hol mir da die Inhalte der Rundfunksender, aber greife eben vom Telefon, Tablet oder PC drauf zu.

Selbst bei Katastrophen geht es gut ohne Fernsehen. Letzten Freitag, als in Paris die Terroristen wüteten, traf ich die Entscheidung gegen das Fernsehen zum ersten Mal ganz bewusst. Von den Ereignissen erfuhr ich relativ schnell, als ich auf Twitter war. Explosionen, Schüsse, betroffen ein Konzertsaal, zwei oder drei Cafés und das Stade de France. Panik, Tote, Verletzte, Spekulationen – das war zusammengefasst die Situation, wie sie sich auf Twitter bot. Ich hab noch überlegt, den Fernseher einzuschalten.

Aber was würde auf mich warten? Irgendwelche 5 Sekunden Bildmaterial, die sie wieder und wieder über den Schirm jagen würden, Nachrichtenmenschen, die in immer neuen Formulierungen den immergleichen derzeitigen Erkenntnisstand wiederholen, dazwischen Interviews mit irgendwelchen Experten, die – nur weil sie sich im Thema Terrorismus / Islam / Sicherheit auskennen mögen – genau so wenig wissen, welche Täter noch unterwegs sind, welche Waffen sie haben und wonach ihnen der Sinn stehen mag.

Ereignisse wie die von Paris eignen sich eigentlich sehr schlecht fürs Fernsehen. Rein von der Nachrichtenlage müsste man sagen: So, dies und jenes wissen wir, alles andere wissen wir nicht. Wenn wir was Neues erfahren, sagen wirs Ihnen. Punkt. Blöd nur: Der Lauf der Dinge lässt halt mal ein, zwei Stunden Lücke, die es dauern kann, bis etwas Berichtenswertes passiert oder ein Gerücht überprüft ist. Diese Lücken existieren, und das Fernsehen ist dazu verdammt, sie zu füllen – einfach, weil das Fernsehen permanent irgendwas senden muss! Abwarten und nichts senden gibt es im Fernsehen nicht. Und dabei haben die Moderatoren so zu tun, als sei das das Normalste der Welt; niemand gibt zu, dass man eben im Augenblick verzweifelt Lücken mit Archivmaterial oder überflüssigen Interviews füllt, nur damit man was zu senden hat.

Also blieb der Fernsehschirm bei mir aus. Ich hab ich immer wieder in meinem Smartphone geschaut, ob es Neuigkeiten gibt und sonst mein Buch weitergelesen. Bis ich ins Bett gegangen bin, kam übrigens nichts Bemerkenswertes. Ich war froh, keine zwei oder drei Stunden vor der Glotze Blödsinn angesehen zu haben. Am nächsten Morgen hatten dann die üblichen Nachrichtenverbreiter Klarheit gewonnen, wer die Täter waren und dass es keine neuen Schüsse oder Explosionen mehr gegeben hatte. Und die unvermeidliche Opferstatistik war auch da – ja, ich weiß, irgendwem ist es wichtig zu wissen, wie viele Leute gestorben sind und verletzt wurden. Aber diese Updates: “Jetzt doch 129 Tote”; die stoßen mich ab.

Ich bin wahrlich keiner, der immer auf der neuesten technischen Welle surft. Aber selbst bei mir ist die Erkenntnis angekommen, dass das Fernsehen sich als Medium überlebt hat.

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