Nicolai Levin

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Weihnachten kontrovers

Weihnachten geht gar nicht, findet Carsten K. bei http://alltaeglichesundausgedachtes.com/2015/12/01/frohliche-weihnachten-geht-anders/  Da kann ich aus vollem Herzen zustimmen. Nein, da muss ich heftig widersprechen. Wie jetzt? Weihnachten und ich – es ist kompliziert …

Weihnachten? Ich hasse Weihnachten!

Ich hasse es, dass die Weihnachtszeit mit dem Ende der Sommerferien beginnt. Ja, es gibt Leute, die sich ab Anfang September auf Lebkuchen freuen. Ich zähle nicht dazu. Ein Vierteljahrlang Tannenzweigdeko und rotbemützte Weihnachtsmänner in Schaufenstern und Supermarktprospekten – das geht mir auf den Keks! Daher bin ich einer der wenigen, die Halloween gut finden; der Hexensabbat im Einzelhandel schiebt wenigstens den Beginn der Weihnachtsdekozeit auf Anfang November.

Ich hasse den Trubel der großstädtischen Weihnachtsmärkte, das Gedränge, die Sauferei, diese kirmesartige Stimmung, dieses zunehmende Verschmelzen aller Lustbarkeiten zu einer einzigen Après-Ski-Wiesn-Schützenfest-Karneval-Umtata-Melange.

Die Musik! Knabenchöre, die “O du fröhliche” im Drogeriemarkt säuseln, wenn du im Oktober nur einen WC-Reiniger suchst. “Last Christmas” und John Lennon im Formatradio! Helene Fischer, die “Es wird scho glei dumpa” vergewaltigt! Argh! Mordgelüste!

Ich hasse die vorweihnachtlichen Bettelbriefe von Institutionen, deren Arbeit ich eigentlich schätze. Mir ausgerechnet jetzt mehr Freigebigkeit als sonst zu unterstellen, nur weil Weihnachten ansteht, beleidigt meine Intelligenz.

Ich hasse es, Menschen zu beschenken, nur weil es der Brauch fordert. Es gibt Leute, denen ich eigentlich nichts schenken mag. Es gibt Onkel Ludwig, für den man ums Verrecken kein Geschenk findet, außer Hochprozentiges, und das sollte er ja eigentlich nicht, hat der Arzt gesagt …

Ich hasse die Hektik der Adventswochen, das ganze Business-Weihnachten mit seinen Firmenweihnachtsfeiern, der Geschäftspost (“Oh weh, der Horronia GmbH müssen wir aber was Handgeschriebenes zukommen lassen, die drohen mit einem Riesenauftrag im neuen Jahr!”) und blöden Sprüchen.

Ich hasse den mentalen Druck, dass das Fest ja was Besonderes sein soll; diese Erwartung von Eltern und Großeltern, diesmal aber wirklich besonders schöne und harmonische Festtage zu liefern, wenn mir doch eigentlich nur noch nach Ausspannen und Ausruhen zumute ist …

Weihnachten? Ich liebe Weihnachten!

Schon der Anlass des Festes ist doch wunderbar. Man muss nicht besonders religiös sein, um eine Geburt zu feiern. Die Geschichte von der Herbergssuche und dem Stall und den Hirten – egal, wie es um uns steht, sie passt immer und ist geeignet, uns das Herz zu erwärmen. Wer dann in dem Neugeborenen noch den Erlöser der Welt sehen kann, hat es um so besser.

Ich mag den Duft von Tannennadeln und Bienenwachs. Der Karton mit den Kugeln, der Krippe und den Kerzenhaltern kommt aus dem Keller – er steckt voller Erinnerungen an vergangene Jahre; einiges ist ererbt, einiges haben wir uns gekauft: “Weißt du noch, als wir damals diese Glaskugeln gesehen haben? Eigentlich konnten wir sie uns gar nicht leisten, aber sie waren so schön … ” Jedes Jahr kann sich keiner mehr erinnern, wieviele Kerzen noch da sind, und entweder muss ich auf den letzten Drücker noch welche holen oder wir haben rechtzeitig und vorsorglich eine weitere Packung gekauft, und jetzt stellen wir fest, vom Vorjahr waren noch über dreißig Stück übrig …

Ich liebe diese Gefühl, wenn man für einen lieben Menschen ein besonderes Geschenk gefunden hat. Die Vorstellung, wie sich der Beschenkte freut. Sich zu überlegen, wie man es am sinnvollsten verpackt, vielleicht aus mehreren kleinen Päckchen eine regelrechte kleine Schnitzeljagd macht … Ich mag es, mit den Kindern Geheimnisse zu haben, was wir der Mama schenken.

Butterplätzchen, Zimtsterne, Dominosteine, Marzipan, Elisenlebkuchen – es schmeckt alles großartig!

Ich liebe diese kleinen Weihnachts- und Christkindlmärkte, fernab von Trubel und Remmidemmi! Gerade im Süden gibt es die, sie haben nur am Wochenende offen, manchmal sogar nur an einem einzigen Tag: Ein paar Buden rund um die Kirche, die Landfrauenvereinigung schenkt selbstgemachten Glühwein aus, der Fußballverein verkauft Bratwürste, die Pfadfinder backen Waffeln und der Dritte-Welt-Kreis bringt selbstgebastelte Scheußlichkeiten an den Mann, um eine Wasserpumpe für die Partnergemeinde in Tansania zu finanzieren. Der Posaunenchor spielt leicht schräg “Tochter Zion”, und alles ist gut.

Überhaupt: die Musik! Wenn man dem Gedudel entfliehen kann und die Lieder einfach mal im Stillen genießt. Weihnachten hat doch die schönsten Lieder mit sich gebracht: “Ich steh an deiner Krippen hier”, “Stern über Betlehem”, “Vom Himmel hoch, o Englein kommt” – und auch die abgenudeltsten Melodien entfalten ihren Reiz, wenn man sie neu entdeckt: Nehmen Sie doch Ihre alte Blockflöte mal aus dem Schrank und spielen ganz für sich “Stille Nacht” …

Dem Familienterror zum Trotz: Ich mag es, zu einem Fest zusammenzukommen, dass die Familie sich trifft – bei allen Unwägbarkeiten, die das mit sich bringen mag. Es ist schön, so einen Ankerpunkt im Jahreskreis zu haben. Oh ja, ich kenne den Stress des Weihnachts-Hoppings: Heiligabend bei meinen Eltern, erster Feiertag mittags zu deinen Eltern, dann Kaffee bei Oma und abends die Gans bei Tante Hilde. Grausam. Bei uns hat sich das aufgehört, als die Kinder kamen. Mit dem Baby war Schluss mit der Fahrerei. Wir haben uns zum neuen Mittelpunkt der Familie erklärt, Omas und Opas sind seither herzlich willkommen, bei uns und mit uns zu feiern. Das macht ein bisschen Arbeit, zugegeben, aber erleichtert die Feiertagsplanung seither ungemein. Und wenn am späten Abend alle wieder weg sind, die Kinder im Bett, der Trubel vorbei, das Glas Wein danach – das ist für mich der schönste Moment der Festtage.

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