Nicolai Levin

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Wunderwelt Wikipedia

Wikipedia ist schon toll. Doch zum zehnjährigen Jubiläum ertönen Warnsignale: Es fehlt an Autoren, und das Wachstum lässt nach. Besteht Grund zur Besorgnis?

Die offene Online-Enzyklopädie hat nicht nur die Faktensuche für Schülereferate verändert. Ohne es zu beabsichtigen, hat sie die erste Stelle unserer Wissensbeschaffung eingenommen. In Form einer “disruptiven Erfindung” hat sie eine ganze Branche verabschiedet. Lexikonverlage wie Brockhaus waren einst einträgliche Unternehmen – jetzt sind sie Geschichte.

Wikipedia ist ein rares Beispiel für etwas, das theoretisch eigentlich nicht funktionieren kann. Wirtschaftstheoretiker sagen, dass kein Mensch etwas umsonst hergibt. Bei Wikipedia gibt es aber kein Geld. Eitelkeit ist ja auch was wert. Insofern finde ich es erstaunlich, dass so viele Leute so viel geschrieben haben, ohne dass es ihnen gedankt wird. Jeder User hat nur seinen Benutzernamen, und der von – sagenwirmal – Stephen Hawking hätte die gleichen Editierrechte wie von irgendeiner halbwüchsigen Dumpfbacke. Nein, ich kann mir nicht mal inhaltlich einen Claim reservieren und dann auf Partys damit angeben, dass ich ja der Autor des Wikipedia-Artikels über den Urknall bin. Jeden Satz, den ich in das Wiki schreibe, darf ein anderer ungestraft ändern, löschen oder ergänzen. Die Anreize sind also denkbar schlecht, sich hinzusetzen und einfach so für andere sein Wissen zu teilen.

Da ist es schon erstaunlich, wie gut das System sich in der Praxis bewährt. Trotz der permanenten Gefahr unrichtiger Inhalte kann man sich im Großen und Ganzen auf das verlassen, was in der Wikipedia steht. Nun hat sie ihren zehnten Geburtstag gefeiert. Fast 2 Millionen Artikel gibt es inzwischen allein auf Deutsch. Aber, so warnen die Auguren, neue Autoren sind rar, und die Zunahme an Artikeln und Volumen flacht merklich ab. Müssen wir uns Sorgen machen? Ich denke: nein. Diese Entwicklung scheint mir ganz natürlich.

Zum Einen ist Wikipedia inzwischen etabliert. Meine Kinder kennen keine Welt ohne Internet, und im Internet sucht man entweder bei Google oder bei Wikipedia, wenn man was in Erfahrung bringen will. Die ungläubige Neugierde, die viele Autoren der ersten Generation zur Mitarbeit bewegt hat, die gibt es nicht mehr. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich meinen User angelegt habe, weil ich einfach mal ausprobieren wollte, ob das wirklich geht mit dem Ändern. Eine Zeitlang hab ich sogar ziemlich aktiv Sachen geschrieben, bis es die Zeit nicht mehr zuließ.

Ein zweiter Grund ist ein gewisser Sättigungsgrad. Zu meiner frühen Zeit gab es zu ganz vielen offensichtlichen Themen noch keine Artikel. Die Heimatstadt, das Lieblingshobby, der bevorzugte Fußballclub, Lieblingsfilme, -sänger – überall waren rote Links und grüne Wiese. Da klopfte man ein paar Sätze aus dem Gedächtnis hinein, und alle waren glücklich. Man war heilfroh um jeden Beitrag, jedes kleine bisschen Info war besser als nichts. Heute muss man sich schon für abseitige Themen interessieren, um noch ein Betätigungsfeld zu finden, zu dem bisher keiner was geschrieben hat.

Mit den Diskussionen um die Zuverlässigkeit und Qualität der Wikipedia-Einträge stiegen die Hürden für Beiträge. Heute wird erwartet, dass man fast schon wissenschaftlich arbeitet und alles Wesentliche mit unabhängigen Quellen belegt, was man als Information bei Wikipedia hinterlegt. Das schreckt bestimmt viele Freizeitforscher und Laien ab und hebt die Hemmschwelle für junge Leute.

Schließlich tut Wikipedia wenig bis nichts, um sich selbst attraktiv zu machen. Zwar hat sich eine Art Gemeinde von Wikipädisten gebildet, aber für Neue wirkt der Laden mit seinen rigorosen Admins doch eher abschreckend. Menschen, die Freude daran haben, eine Enzyklopädie zu schreiben, ticken halt häufig nicht so einladend und freundlich, wie das die Generation Facebook gewohnt ist, die Bestätigung und Lob für jedes verschwommene Selfie erwartet. Ein Griesgram, der nur belegte Fakten dulden will, passt da nicht recht ins Bild.

Wie weit sich Wikipedia ändern, um für neue Autoren attraktiv zu werden? Wie will sich die Enzyklopädie positionieren zwischen positivem Mitgliedererlebnis und einem rigorosen Qualitätsanspruch. Weder soll (und will) sie zum Sozialen Netz werden, noch kann (und darf) sie zum abgeschotteten Spielplatz für autistische Nerds werden, die sich in Geschäftsordnungsdebatten ergötzen.

Aber auch da bin ich zuversichtlich, dass sich ein Weg finden wird. Inzwischen hat Wikipedia unter den Informationsquellen eine derart herausragende Position, dass sie sozusagen “too big to fail” ist. Wir alle brauchen Wikipedia, denn der Brockhaus im Regal ist schließlich schon zwanzig Jahre alt.

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