Nicolai Levin

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Roger Willemsen. Abrechnung. Nachruf. Abbitte.

Roger Willemsen ist gestorben. Mit 60 Jahren, also nach heutigen Maßstäben nicht eben im Greisenalter. An Krebs, was man auch keinem wünscht.

Ich habe Roger Willemsen nie gemocht. Also, nicht, dass wir uns je persönlich getroffen hätten. Er war im Fernsehen, ich habe zugeschaut und ihn so nicht gemocht, wie ich den Bodensee-Tatort nicht mag oder Caren Miosga.

Seit seinem Tod und vielen klugen und bewegenden Nachrufen auf ihn lässt es micht nicht los, zu ergründen, woher meine Abneigung – die er ja ohne Zweifel nicht verdient hat – rühren mag.

Da war die äußere Erscheinung: Ein langgewachsener Schlaks mit etwas linkischen Bewegungen, dazu die hohe Stimme, die immer unangenehm gepresst klang, wenn er aufgeregt oder schnell sprach. (Ich habe gelesen, dass er nur mit speziellem Sprachtraining die Stimmhöhe ins halbwegs fernsehtaugliche Spektrum gesenkt hat) Eigentlich war der arme Kerl so ungeeignet fürs Fernsehen, wie man sich nur denken kann. Habe ich ihm Marotte oder Absicht unterstellt, wenn er seine langen Arme unsicher vor der Kamera wand? Ich weiß es nicht.

Dann allein der Name! Willemsen. Ich meine, viel nördlicher geht es auf Deutsch nicht! Da muss ein Jan davor, ein Ole oder meinetwegen ein Malte. Stattdessen: Roger. Und zwar nicht proletenhaft-plattenbaumäßig Rodscha oder frankophil Roscheh, sondern Roger, wie mans schreibt. Ich kenne sonst keinen Menschen, der Rogerwiemansschreibt heißt. Schnösel!

Sein Deutsch war (für mein Ohr) akzentfrei – dass er in Bonn aufgewachsen ist und zur Schule ging, hörte man ihm nicht an. Nach dem Abitur studierte er natürlich den perfekten Kranz aus Kunst und Kultur und Germanistik und Philosophie an drei oder vier altbewährten Universitäten in malerischen Städtchen. Einer wie er hätte nie so einfach Jura in Bochum studieren können oder BWL in Frankfurt am Main!

Willemsen war klug und belesen, und gelegentlich ließ er das sein Gegenüber spüren. Man muss ihm zugutehalten, dass das selten nach Protzen aussah, sondern eher ein bisschen so wirkte, wie jemand, der auf der Suche nach einem verständigen Seelenverwandten war. Wenn er einen Namen, ein Buch fallen ließ, so mein Eindruck, hoffte er inständig, dass sein Gegenüber das auch gelesen hatte, dass man eine gemeinsame Grundlage zur vertieften weiteren Diskusssion hätte. Oft genug freilich wusste der Gesprächspartner nichts Adäquates beizutragen, und noch häufiger hatte ich als Zuschauer keine Ahnung, was den Willemsen da reiten mochte mit seinen begeistert aufgerissenen Augen und dem Strahlen im Gesicht …

Und was er anschleppte an Namen, Büchern, Tipps! Und immer noch einen draufsatteln, war mein steter missvergnügter Eindruck. “Zur musikalischen Begleitung habe ich einen guten Freund aus Paris mitgebracht, der ganz wunderbaren Jazz spielt.” So oder so ähnlich stellte er zu Beginn einer Fernsehshow seinen musikalischen Untermaler vor. Ich dachte mir noch, naja, war ja klar, Jazz … und die Kamera schwenkte und man sah den Pianisten: ein verwachsener Gnom, der da schief auf dem Klavierhocker kauerte. Behindert also auch noch! Pariser Jazzpianist allein war ihm nicht genug. Dass Roger Willemsen mit seiner Einschätzung von Michel Petrucciani nicht so falsch lag, zeigte sich erst nach und nach. Dass zu den sehr wenigen Jazz-CDs, die ich besitze, bald auch eine von Michel Petrucciani kam, steht natürlich auf einem ganz anderen Blatt.

Roger Willemsen war Kulturmensch und lebte das. Wo ich von der PS-Protzerei meiner Kollegen angewidert bin, machte Willemsen erst gar keinen Führerschein, sondern erklärte, er führe halt Taxi oder Bahn. Ich bin mir sicher, dass auf langen Zugfahrten, wenn ich mir abgehetzt eine überteuerte Bratwurst oder einen Whopper am Hauptbahnhof hole, Roger Willemsen stattdessen zu Karstadt an die Käsetheke gegangen ist und sich ein Stückchen Chèvre gekauft hat, um einen kultivierten Happen im Zug zu haben. Wo wir uns bis auf die Knochen blamierten, um Petra aus der 7b zu beeindrucken oder die großbusige Blonde aus der Buchhaltung, wissen wir (laut seinem Artikel bei Wikipedia) bei ihm nichts von männlichen oder weiblichen Lebensgefährten. Freunde hatte er allerdings reichlich, ist in den Nachrufen zu lesen.

Nein, ich mochte Roger Willemsen nicht besonders. Ich fand ihn nicht sympathisch. Vermutlich war ich einfach nur neidisch auf ihn. Er verkörperte einfach all das an Bildung und Kulturbeflissenheit, was ich auch so gerne hätte, aber mit einem kulturfremden Brotberuf und einer Familie nicht erreichen kann.

Vom Fernsehen hatte er sich schon vor Jahren losgesagt, auch sonst war es schon vor seiner Erkrankung still um ihn geworden – er hatte sich vom Publikum weitgehend unbemerkt aus der ersten Reihe der Medienintellektuellen zurückgezogen.

Nur weil einer recht jung und unangenehm stirbt, muss man ihn nicht gleich ins Herz schließen. Aber – das zeigen mir die Dinge, die ich aus den Nachrufen über ihn erfahre – voller Hochachtung den Hut ziehen und ihm zum Abschied meine Achtung zollen, das tu ich nur allzu gerne!

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