Nicolai Levin

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Ach, wir Armen!

Achtung! Immer mehr arme Menschen in Bayern und Baden-Württemberg! Armutsquote nicht gesunken! Der Wohlfahrtsverband schlägt Alarm! Ernsthaft jetzt?

Zu den wenigen Aufregerthemen, die mich wirklich in Wallung bringen, zählt die scheinheilige Diskussion um die Armut hierzulande. Da könnte ich jedesmal kotzen. Nein, ich finde es nicht schlimm, wenn Menschen arm sind, und diesen Armutsbericht kann man in der verkürzten Form, in der die Medien ihn wiedergeben, komplett in die Tonne treten. Bin ich deshalb ein rücksichtsloser Arsch? Ich denke: nein.

Nehmen wir mal Familie Beispiel. Mama, Papa und zwei Kinder, beide Eltern berufstätig, Haushaltseinkommen 70.000 EUR brutto, Etagenwohnung in der Stadt oder Reihenhäuschen im Speckgürtel, ein Auto, einmal im Jahr ein Urlaub an der Nordsee. Sind die Beispiels reich? Sind sie arm? Wie hoch ist ihr Armutsrisiko?

Das ganze leidige Thema der Armut krankt an der Definition von “arm”. Arm ist nach der Armutsstudie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, wer weniger als 60% des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat.

Damit hängt es davon ab, mit wem wir die Beispiels vergleichen. In Beverly Hills oder Killesberg sind sie eher arm, in Lagos oder Mexiko-Stadt sind sie vermutlich reich, und in Buer-Erkenschwick werden sie so in der Mitte mitschwimmen. Nehmen wir mal an, sie leben in Buer-Erkenschwick.

Was kann nun die Beispiels in die Armut treiben? Einmal natürlich das Risiko, ihr Einkommen (oder wesentliche Teile davon) zu verlieren. Wenn Papa Beispiel seinen Job verliert und Mama Beispiel dem Trunk verfällt, dann haben die Beispiels vielleicht nur noch 20.000 Euro zum Leben, und dann wären sie arm.

Es kann aber auch sein, dass bei den Beispiels alles beim Alten bleibt, aber in ihrer Vergleichsgruppe einige Leute an Einkommen zulegen. Wenn ein paar ihrer Nachbarn im Lotto gewinnen und ein Bundesligaprofi mit Millionengehalt nach Buer zieht, steigt das Durchschnittseinkommen. Damit steigt auch die 60%-Grenze, und die Beispiels drohen statistisch in die Kategorie “arm” zu fallen, obwohl sie genau so gut dastehen wie zuvor.

Umgekehrt könnte es sein, dass reiche Leute aus der Vergleichsgrupppe rausfallen. Zum Beispiel weil ein Sportmillionär seinen Hauptwohnsitz von Buer nach Monaco verlegt. Dann rutschen die Beispiels näher an den (gesunkenen) Einkommensdurchschnit, und die Wohlfahrtsverbände jubeln, weil es weniger Armut gibt. Der Stadtkämmerer, dem die Steuereinnahmen des Millionärs fehlen, wird das anders sehen.

Keine Armut gibt es nur dann, wenn alle gleich viel bekommen. Solange wir aber akzeptieren, dass es höhere und geringere Einkommen gibt und solange viele von uns danach streben, reich zu werden, müssen wir Armut als Schattenseite dieser Medaille akzeptieren. Wenn es Leute gibt, die durch harte Arbeit, gute Ideen oder einfach Glück zu Reichtum kommen können, muss es auch möglich sein, durch Ungeschick, Pech oder Unvermögen nach unten zu rutschen.

Entscheidend ist nur: Wie weit? Und bei dieser Frage kann es ja nicht um Relationen gehen, sondern um die konkreten Lebensumstände. Ich kann ein Zehntel oder ein Hundertstel irgendeines Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben, ohne dass es mich friert oder ich hungere. Umgekehrt hilft es mir wenig, dass alle anderen genauso wie ich im Elend vegetieren, wenn es am Fundamentalsten fehlt. Wenn in einer weniger begünstigten Weltgegend keiner im Dorf Zugang zu sauberem Wasser oder Strom hat, freuen wir uns ja auch nicht, dass Armut hier unbekannt ist, weil alle gleichermaßen elend dran sind.

Aber zurück zu uns: Armut ist nicht unser Problem, Chancen sind es. Aus meiner Sicht hat der Sozialstaat zunächst einmal dafür zu sorgen, dass niemand in menschenunwürdigen Umständen leben muss. Dass jemand verhungert oder erfriert oder an fehlender medizinischer Versorgung zugrundegeht, das ist für mich ein Unding, das unser Gemeinwesen zu verhindern hat.

Darüber hinaus hat der Staat nach meinem Verständnis auch die Verantwortung, Chancen zu schaffen, auch für die, die nicht viel Geld haben – das zielt für mich vor allem auf Bildung. Auch wer arm ist, sollte die Gelegenheit für einen guten Schulabschluss und ein Studium bekommen. Und so die Möglichkeit erhalten, seinerseits aus der Armut auszubrechen, wenn er sich anstrengt.

Dass Menschen verarmen, ist unvermeidlich. Der Staat kann keine Vollkaskoversicherung für Lebensrisiken bieten und jedem garantieren, dass sein Lebensstandard immer so bleiben wird, komme, was wolle. Aber wenn sich Armut verfestigt, wenn die, die arm geboren werden, mit hoher Wahrscheinlichkeit in ihrem Leben arm bleiben müssen und arm sterben, dann stimmt etwas nicht im System.

Wie aber könnte man es schaffen, Armut in Berichten und Analysen besser zu greifen? Ein erster Schritt wäre, von dem blöden Durchschnitt wegzukommen. Jeder, der sich mal mit Statistik beschäftigt hat, weiß, wie anfällig dieser Wert auf Ausreißer reagiert – Sie kennen den blöden Witz mit dem Mann, der eine Hand auf der Herdplatte liegen hat und die anderer in die Tiefkühltruhe hält und sich im Durchschnitt angenehm fühlen müsste. Nähme man stattdessen den Median (also den Wert, den die Hälfte der Betrachteten erreicht), wäre alles schon mal stabiler und weniger empfindlich gegenüber Ausreißern wie unserem Fußballmillionaro in Buer-Erkenschwick.

Man könnte auch all die als arm definieren, deren Einkommen einen bestimmten absoluten Betrag nicht erreicht. Dann definiert man: Zu einem akzeptablen Lebensstandard in Deutschland braucht man bestimmte Dinge (Wohnung, Essen, Kleidung, Arzt usw.), und das kostet zurzeit pro Nase x Euro – und wer weniger hat, ist arm.

Blöderweise müsste man das x jedes Jahr neu bestimmen, und es wäre auch wieder nicht gerecht, weil man im ländlichen Mecklenburg bestimmt billiger lebt als am Tegernsee. Und dann würde die Linke fordern, dass der Hartz-IV-Satz mindestens auf x zu heben sei, und dann hätten wir per Definition auf einen Schlag gar keine Armen mehr, und der DPWV wäre arbeitslos. So weit wollen wir es dann doch nicht kommen lassen.

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