Nicolai Levin

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Hoch die Tassen – überall?

Ob im Park oder der Straßenbahn: Der Konsum von Getränken aller Art “to go” ist gesellschaftsfähig geworden. Ein bemerkenswerter Sittenwandel.

Als das Wünschen noch geholfen hat, mir noch die schlanke Anzuggröße passte und Twix noch Raider hieß, da war das Trinken in der Öffentlichkeit so gut wie unbekannt. Ich meine, klar, man trank in Kneipen, Restaurants und Cafés – und dort im Sommer durchaus im Freien. Aber in der U-Bahn oder im Park, auf öffentlichen Plätzen? Nein, das machte man nicht.

Das Trinken-für-Unterwegs war den Rennradfahrern vorbehalten, die hatten Plastikflaschen mit Trinkknubbeln, die sie an speziellen Haltern mitführten, wenn sie für den Giro d’Italia oder die Tour de France trainierten. Wer zum Sport ging, schleppte eine Glasflasche mit Mineralwasser mit, um den akuten Durst zu stillen. Wer zum Wandern oder in die Berge wollte, der hatte meist so eine Alu-Feldflasche mit Bügel- oder Schraubverschluss für Wasser, Schorle oder Tee.

Irgendwann erfand ein findiger Kopf die PET-Flaschen; zugleich warnten die Mediziner, dass wir alle viel mehr trinken müssten. Prompt beschlossen einige trendige junge Frauen, dass sie überallhin etwas zum Trinken mitzuführen hätten. Die 0,5-l-Volvic-Flasche gehörte bald als festes Accessoire zum Outfit der mondänen Großstädterin. Es dauerte nicht lange, bis Mauerblümchen und Männer folgten, und heute gilt es als ausgemacht, dass mehr als hundert Meter Gehdistanz nicht mehr ohne laufende Flüssigkeitszufuhr zu bewältigen sind.

Offenbar war damit der Bann gebrochen, dass Trinken in der Öffentlichkeit gesellschaftsfähig sei. “Wenn schon Flüssiges, warum dann nicht auch Getränke, die Alkohol enthalten?”, dachten sich prompt ein paar junge Leute. Eh man sich’s versah, gesellten sich zu Mineralwasser, Saftmischungen und Energydrinks Flaschen mit Bier, Dosen mit Alcopops und schließlich auch Härteres wie Wodka und Korn. Man “glühte vor”, ehe man sich in Clubs und Nachtlokalen vergnügte. Oder man sparte Eintritt und teure Gastronomiepreise, indem man die Party in den Park verlegte.

Hier hat ein echter Kulturwandel stattgefunden. Für mich (und ich habe den Verdacht, ich stehe damit nicht allein in meiner Alterskohorte) bildet das Trinken – besonders von Alkohol – in der Öffentlichkeit etwas, das “man nicht tut”. Uns hat das niemand ausdrücklich verboten, als wir jung waren. Das war gar nicht nötig, denn Bier oder Schnaps in der U-Bahn oder auf dem Marktplatz zu trinken, das ging gar nicht! So etwas taten nur Alkoholiker im allerletzten Stadium, das blieb den Obdachlosen und Gestrandeten vorbehalten. Diese instinktive Abscheu empfinde ich übrigens auch heute noch, wenn ich jemanden mit seiner Flasch Karlskrone in der U-Bahn sehe.

Interessanterweise scheint das Thema in den USA früher auf den Weg gekommen zu sein als bei uns. Dass man in Amerika Alkoholika in der Öffentlichkeit schamvoll in braunes Packpapier zu hüllen hatte, kam schon in den Filmen und Fernsehserien meiner Jugend vor. Wir haben uns darüber amüsiert und mokiert: Wie prüde und scheinheilig die Amis da wieder auftraten! Wen sollte es schon stören, wenn einer eine Whiskyflasche durch die Stadt trug? Wenn ich mir die Horden von Partyvolk sehe, die im Stadtpark die Gorbatschow-Flasche kreisen lassen, bin ich fast so weit, eine derartige Einschränkung gar nicht mehr so schlecht zu finden.

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