Nicolai Levin

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Lektüre für den Liegestuhl 2016

Urlaubszeit, Ferienzeit, Lesezeit. Auch dieses Jahr will ich Sie an meinen Bucherfahrungen teilhaben lassen und Ihnen die eine oder andere Empfehlung für Ihre Urlaubslektüre mitgeben.

Ich schulde Ihnen vom letzten Jahr noch die versprochenen Eindrücke von Evelyn Waughs Brideshead Revisited (auf Deutsch: Wiedersehen mit Brideshead). Kurz gesagt: Nein! Für den Liegestuhl eignet sich der Wälzer leider nicht so richtig. Die gescheiterten Beziehungen der englischen Oberklasse der 1920-er Jahre lesen sich düster und schwermütig, das Ganze ist in Ton und Gefühl sehr gedämpft gehalten, so wie die Zimmer eines staubigen Schlosses, wo schwere Samtvorhänge kaum Sonne hereinlassen. Das Opus ist sprachlich und kompositorisch bestimmt große Kunst, für eine unterhaltsame Sommerlektüre aber nicht meine erste Wahl. Ich bin zu dem Schluss gekommen, angelsächsische katholische Autoren fortan zu meiden (also: Iren natürlich ausgenommen!). Ob Waugh, Julien Green, Graham Greene – sie neigen allesamt zu Neurosen, Depressionen und Exzentrizität, was ihrem Werk nicht bekommt.

Im vorigen Jahr hatte ich auch angekündigt, mir Harper Lees spät entdecktes Frühwerk Go, Set a Watchman (auf Deutsch: Gehe hin stelle einen Wächter) vorzunehmen. Dieser Roman hat mich tief beeindruckt – allerdings weniger als Werk an sich denn als Beitrag zum Verständis des Schaffens der Autorin. Die Geschichte um die Rückkehr von Scout Finch aus New York in den heimatlichen Süden der USA und ihre Konfrontation mit dem alltäglichen Rassismus dort hätte wohl an der einen oder anderen Stelle einen rigorosen Lektor vertragen; 1957 hat Lees Verlag das Manuskript abgelehnt, und die Autorin schrieb stattdessen Wer die Nachtigall stört. An Stelle eines zeitgemäßen, pessimistischen, schonungs- und illusionslosen Buches, das sich gut in die literarische Welt der Beatniks und Lost Generation eingefügt hätte, lieferte sie die menschenfreundliche, kindlich-naive, grundoptimistische und leicht süßliche Toleranzfabel um den tapferen Atticus Finch. Dieses Buch machte sie zum Star, wurde und wird von Millionen Lesern heißgeliebt und ist Pflichtlektüre allerorten geworden. Ich kann verstehen, dass Harper Lee danach nichts mehr veröffentlicht hat, und ich bin dankbar, diesen rohen und düsteren Vor- / Nachläufer kennengelernt zu haben, der mich sozusagen hinter die Kulissen hat schauen lassen.

Gleiches Thema, gleicher Ort, gleiche Zeit: The Help von Kathryn Stockett (auf Deutsch: Gute Geister). Scout heißt hier Skeeter und macht sich als weiße Tochter aus mittelgutem Hause nach der Rückkehr vom College auf die Suche nach dem Verbleib ihres einstigen (farbigen) Kindermädchens. Sie verbindet das mit ihrem Wunsch, Journalistin zu werden und sammelt die Erfahrungen der afroamerikanischen Frauen, die als Haushaltshilfe der weißen Mittelklasse im Mississippi der 1960-er Jahre arbeiten, zu einem Buch. So etwas gehörte sich nicht, und so wird Skeeter zum Außenseiter unter den jungen (Ehe)-Frauen, die ihre Tage mit Bridge und den Aktionen des örtlichen Wohltätigkeitsklubs verbringen. Mad Men trifft Mockingbird, sozusagen. Das Buch war speziell in den Vereinigten Staaten ein riesiger Erfolg, und es liest sich auf alle Fälle spannend und kurzweilig. In den USA gingen die Meinungen auseinander, ob das Bild, das hier von den Lebensumständen der Afroamerikaner gezeichnet wird, nicht zu positiv ist, aber das soll unser Lesevergnügen in Europa nicht schmälern.

Richtig sommerlich und vergnüglich und perfekt für heiße Tage am Pool ist die Sammlung der Briefe von Harry Rowohlt: Der Kampf geht weiter. In kurzen Happen kann man sich über den Austausch zwischen dem Übersetzer und Kolumnisten Rowohlt mit seinen Kollegen, Lesern, Verlegern und Fans amüsieren. Der Reigen reicht vom Ende der 1960-er Jahre, als Rowohlt bei Suhrkamp Lehrling war, bis in die 2000-er. Stilistisch zeigt sich Rowohlt als früh Vollendeter, bei ihm kommen Eitelkeit, Intelligenz und Humor zusammen, und dieser Kombination beizuwohnen, garantiert den Spaß beim Lesen. Ein persönliches Ärgernis für mich war freilich, dass ich das Büchlein als E-Book gelesen habe: Bei 80% Lesefortschritt glaubte ich, noch einen ganzen Packen lustiger Briefe vor mir zu haben, und dann erwies sich der ganze Rest als umfangreiches Sach- und Personenregister, und alles war schon aus!

Lob von allen Seiten konnte Saša Stanišić für sein Werk Vor dem Fest einheimsen. In einem Reigen unterschiedlicher Stimmen führt er uns ins ländliche Brandenburg und verwebt Vergangenheit und Gegenwart der Dorfgeschichte irgendwo jenseits von Berlin. Ich war nach zehn Seiten restlos begeistert von der Sprache, der kunstvollen Komposition, der Kraft, der Fülle des Wohllauts. Nach dreißig Seiten aber stellte sich irgendwie Ernüchterung ein, es kam nichts Neues, der Reigen ging einfach weiter, aber so wie ich mir das erhofft hatte, fügten sich die losen Enden doch nicht zusammen, die antiquierte Sprache der vermeintlich alten Dokumente klang unecht, und am Ende war ich ziemlich enttäuscht.

Jetzt vermissen Sie vermutlich Krimitipps, und in der Tat kann ich dieses Jahr mit keinem Kriminalroman aufwarten, der mich so richtig vom Hocker gerissen hätte. Stone Bruises von Simon Beckett wäre vielleicht eine Empfehlung. Keine Forensik dieses Mal, kein Atemlos-Thriller mit Serienmördern in möglichst grusliger Umgebung. Stattdessen: Sommer, Sonne, Süden. Ein junger Mann, der auf der Flucht ist (warum und vor wem, wissen wir erstmal nicht) verdingt sich irgendwo im Süden Frankreiches (wohl in den Cevennen) auf einem abgelegenen Bauernhof als Hilfsmaurer gegen Kost und Logis. Nach und nach entdeckt er, dass die Bauernfamilie ein dunkles Geheimnis hütet. Kann man lesen.

Mein Paket für den kommenden Urlaub steht übrigens noch nicht fest. Wenn Sie also Tipps für mich haben …

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