Nicolai Levin

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Kritik der Islamkritik

Mein Unwort des Jahres steht fest: “Islamkritik”. Nicht nur dass ich die allermeisten dieser “Kritiker” ziemlich widerlich finde, nein, es stört mich auch, dass hier ein völlig unmöglicher Begriff verwendet wird, um Fremdenfeindlichkeit und Religionshass zu schüren.

Wieso unmöglich? ‘Kritik’ setzt voraus, dass ich etwas bewegen und ändern kann. Wenn ich eine Marotte von dir kritisiere, möchte ich, dass du sie abstellst. Wenn ich als Rezensent ein Buch kritisiere, gebe ich dem Autor die Chance, beim nächsten Mal etwas zu schreiben, das mir besser gefällt.

Politik kann man kritisieren, Manieren kann man kritisieren, Krawattenfarben kann man kritisieren.

Religionen kann man nicht kritisieren. Sie entziehen sich rein von der Definition her dem zwischenmenschlichen Diskurs. Die Bibel und der Koran sind eben nicht von Drehbuchautoren geschrieben, die auf ein Publikumsscreening warten, bis sie ihre endgültige Fassung festlegen: “Oh, unsere Umfragewerte zeigen, dass das sechste Gebot nicht so toll ankommt. Das streichen wir dann besser.”

Weil Religionen den Anspruch erheben, von einer Macht geschrieben oder diktiert oder inspiriert zu sein, die über der menschlichen Vernunft steht, lassen sich ihre Inhalte und Vorschriften nicht diskutieren. Das macht es ziemlich digital: Man kann Religionen folgen oder es bleiben lassen.

Natürlich verändert sich die Praxis und das Religionsverständnis mit der Zeit. Die Auffassung des Christentums einer evangelischen Gemeinde im Wilmersdorf des Jahres 2016 dürfte sich deutlich von dem unterscheiden, was die Urgemeinden geglaubt haben, denen die Paulusbriefe gelten.Die Zeiten ändern sich und mit ihnen unser Glauben.

Man kann diesen Veränderungsprozess auch bewusst vorantreiben. Martin Luther und Jan Hus und Johannes XXIII. haben das getan. So etwas funktioniert aber nur von innen, aus der Religion selbst heraus, man nennt es dann Reformation oder Renovation. Solchen Bewegungen verdanken wir, dass es keinen Ablasshandel mehr gibt und man die Heilige Messe auch verstehen kann, wenn man kein Latinum hat. Wer aber versucht, eine Religionsgemeinschaft von außen zur Veränderung zu bewegen, wird auf geschlossenen Widerstand stoßen.  Reformation von außen erzeugt nur den Dschihad oder einen Kreuzzug.

Das bedeutet nicht, dass Religionsausübung sakrosankt sein muss. Man kann (und sollte) Religionen in die Schranken weisen, wenn ihre Ausübung sich mit unverrückbaren säkularen Werten beißt. Ein Richter darf verlangen, einer Zeugin ins Gesicht zu sehen, auch wenn die (oder ihr Mann für sie) meint sich verschleiern zu müssen. Kinder haben das Recht auf körperliche Unversehrtheit, auch wenn Rambochristen auf die Züchtigungsgebote des Alten Testamentes pochen mögen.

Solche Grenzen zu setzen hat aber nichts mit Kritik zu tun. Kritik will verändern, Politik setzt Regeln und Grenzen. Die Verschleierungsfanatiker und Prügelbolde dürfen es gerne sündhaft und schlimm finden, was der Staat ihnen antut, aber sie müssen sich dennoch dran halten.

Und – selbst wenn sie es könnten – natürlich wollen die selbsternannten ‘Islamkritiker’ den Islam gar nicht reformieren. Ihnen ist nicht an einem wie auch immer gearteten modernen, liberalen, westlich kompatiblen Islam gelegen. Sie wollen ihn am liebsten ganz weg haben. Sie haben Angst vor dem Fremden, sie fürchten, sich noch weniger zurechtzufinden in einer komplizierten Welt, und da beginnen sie beim Aufräumen bequemerweise mit Minaretten und Kopftüchern, um sich die Welt ein bisschen übersichtlicher zu gestalten. Mit Kritik aber hat das alles nichts, aber auch gar nichts zu tun.

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1 Comment

  1. Klaus Blees says:

    Als langjähriger Aktivist der islamkritischen Bürgerrechtsbewegung interessieren mich ja mal die Belege für Ihre Behauptungen: Wo schüren Islamkritiker Fremdenfeindlichkeit und Religionshass? Wenn Sie einen so schwerwiegenden Vorwurf in die Welt setzen, sollten Sie ihn auch begründen. Warum kann man Religionen im Gegensatz zu Politik nicht kritisieren? “Weil Religionen den Anspruch erheben, von einer Macht geschrieben oder diktiert oder inspiriert zu sein, die über der menschlichen Vernunft steht, lassen sich ihre Inhalte und Vorschriften nicht diskutieren”, sagen Sie. Ein äußerst schwaches Argument, denn es impliziert, dass dieser Anspruch von Religionen auch gerechtfertigt ist. Islam- bzw. Religionskritiker bestreiten ja gerade, dass Religionen von einer übermenschlichen Vernunft diktiert sind. Und wie kommen Sie darauf, uns Islamkritikern zu unterstellen, uns sei nicht “an einem wie auch immer gearteten modernen, liberalen, westlich kompatiblen Islam gelegen? Als Islamkritiker haben wir nicht die Aufgabe, einen liberalen Islam zu entwickeln. Aber wenn Muslime dies tun, begrüßen wir das selbstverständlich. Wenn Sie sich mit den Veröffentlichungen der Islamkritiker auseinandersetzen würden, wüssten Sie das. Wir demonstrieren gemeinsam mit Muslimen und arbeiten auf vielen Ebenen mit nichtfundamentalistischen, “westlichen” Muslimen zusammen.

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