Nicolai Levin

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Staatsstreiche

Heute gedenken wir in Deutschland eines gescheiterten Putsches. Am 20. Juli 1944 versuchten Teile der deutschen Armee den Aufstand gegen Staats- und Regierungschef Adolf Hitler. Sie scheiterten mit ihrem Attentat, regierungstreue Armeeeinheiten brachten die Lage rasch unter Kontrolle, nachdem sich Hitler über die modernen Medien (wie das Radio) an die Bevölkerung gewandt hatte und beweisen konnte, dass er noch am Leben und handlungsfähig war. Der anschließenden Säuberungsaktion in Armee und Verwaltung fielen tausende vermeintlicher Sympathisanten des Staatsstreiches zum Opfer.

Die Attentäter und Verschwörer – Stauffenberg, Tresckow, Witzleben, Canaris, Yorck von Wartenburg und viele andere – sie werden heute als Helden und Märtyrer gefeiert.

Die Parallelen zu den aktuellen Ergeignissen in der Türkei sind nicht zu übersehen – vor allem die verschärfte Gangart bei der Ausschaltung des Restes demokratischer Instanzen, nachdem man die Macht wieder sicher weiß. Erdoğan und seine Schergen lassen jetzt jede Hemmung fallen – sie verhaften, entheben, ermorden jeden, der ihnen nicht in den Kram passt. Und die freie Welt schweigt verschämt – nachdem in den unsicheren Nachtstunden des 15. Juli die EU und die USA sich aus Legitimitätsgründen an die Seite der Regierung Erdoğan und gegen die Aufständischen gestellt hatten.

Wann ist ein Staatsstreich eine Heldentat? Wann kommt man zu dem Schluss, dass ein Regime nicht anders als durch Waffengewalt von den Schalthebeln der Macht entfernt werden kann, um dem freien Spiel demokratischer Kräfte überhaupt wieder eine Chance zu geben? Wann ist es so arg, dass man dafür seinerseits den Preis von Gesundheit und Menschenleben anderer auf sich nimmt?

Im Falle des 20. Juli steht es außer Frage, dass die totale Nazidiktatur nur durch Tyrannenmord und Staatsstreich entmachtet hätte werden können. Der zweite Weltkrieg tobte, und jedes weitere Zuwarten wäre sträfliches Zögern gewesen. Im Gegenteil: Die Verschwörer hatten mit ihrer sehr deutschen Gründlichkeit, ihrem Bestreben, eine neue politische Ordnung zu entwerfen, dem Versuch, mit den Alliierten Kontakt aufzunehmen und einigen gescheiterten Anläufen schon Jahre ins Land streichen lassen – zu einer Zeit, in der jeden Tag die Tötungsmaschinerie der Nazis auf Hochtouren lief und der Krieg an allen Fronten seine Opfer holte.

Und die Türkei von heute? Ist das System noch aus sich heraus zu retten? Gibt es noch Opposition, werden wir Wahlen erleben? Am Ende mit Überraschungen in den Ergebnissen? Man darf es bezweifeln, wenngleich die Lage natürlich nicht entfernt mit den Monströsitäten von Hitlerdeutschland zu vergleichen ist.

Dass der Westen unisono Erdoğans Seite ergriffen hat, hängt mehr mit realistischer Außenpolitik zusammen denn mit moralischen Erwägungen. Die Türkei ist NATO-Mitglied, sie bildet den Kernpfeiler in der Flüchtlingsstrategie der EU – da kann man nicht so einfach den mehrfachen Verhandlungs- und Vertragspartner zum illegitimen Schurken und Usurpator ausrufen.

Von außen schlägt Putschisten wohl generell großes Misstrauen entgegen. Auch die Verschwörer des 20. Juli stießen in England auf taube Ohren, als sie die politische Wetterlage nach einem Tyrannensturz in Deutschland ausloten wollten – und das, wo man meinen könnte, den Alliierten hätte zum Gegenpart in dieser Kriegssituation alles andere lieber sein müssen als eine zum Äußersten entschlossene Naziherrschaft.

Wäre das jeweilige Land mit einem erfolgreichen Putsch besser gefahren? Auch wenn Kritiker den politischen Köpfen des 20. Juli häufig vorwerfen, dass ihre ständische und christlich-konservative Staatskonzeption nicht mit dem freiheitlich-demokratischen Gebilde der späteren Bundesrepublik mithalten konnte, so wäre doch allein ein früheres Kriegsende ein Segen gewesen. Vergessen wir nicht, dass allein im letzten Kriegsjahr 1945 auf deutscher Seite noch 3 Millionen Tote zu beklagen waren (darunter die Hälfte Zivilisten) – damit ist fast die Hälfte der gesamten Kriegsopfer auf deutscher Seite erst 1945 ums Leben gekommen! Für die Seite der Alliierten ist es schwieriger, an Zahlenmaterial zu kommen – aber auch sie verloren in den letzten Monaten des Krieges weit mehr Leben als man vielleicht glaubt. Nicht zu vergessen sind die Toten, die gerettet worden wären, wenn die Vernichtungslager der Deutschen nicht erst im Winter 1945 befreit worden wären, sondern ein halbes Jahr früher. So gut wie jede denkbare Alternative zur langsamen Niederlage der Nazis wäre ein wünschenswerteres Szenario gewesen. Alles war besser als Hitler.

Und in der Türkei? Erdoğan ist schlimm, keine Frage, aber würde das Land in einer Militärdiktatur besser fahren? Wenn denn der Coup tatsächlich aus den Reihen der Armeeführung angestoßen wurde (daran gibt es durchaus ernstzunehmende Zweifel, bis hin zu der Theorie, dass Erdoğan selbst hinter dem ziemlich dilettantischen Putschversuch stecke), stünden die Putschisten in der Tradition von Atatürk, laizistisch, modernistisch und westwärts gewandt. In der Vergangenheit haben Armeekräfte schon mehrfach die Macht in der Türkei an sich gerissen – man muss ihnen zugutehalten, dass es ihnen nie um die Macht an sich ging (wie man das vielleicht von putschenden Operettengenerälen aus lateinamerikanischen Bananenrepubliken kennt), sondern sie nach einer Zeit der Unterdrückung (in der sie mit ihren Gegnern durchaus auch rücksichtslos und brutal umgingen) das Land immer wieder in einen neuen Gehversuch in Sachen Demokratie entlassen haben.

Verabscheuungswürdiger Putsch einer kleinen Clique ehrgeiziger Offiziere? Oder heldenhafter Versuch, das Staatswesen vor dem Tyrannen zu retten? Die Entscheidung fällt am Ende die Geschichte – so oder so: Ausbaden muss es immer das regierte Volk.

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