Nicolai Levin

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Über Nobelpreise, Eheversprechen und Ferienwohnungen

Der Wirtschaftsnobelpreis 2016 ist an Oliver Hart und Bengt Holmström gegangen. Eine gute Wahl, schon weil mir die Namen und deren Forschung ausnahmsweise mal etwas sagen. Außerdem wurde ein Thema honoriert, das uns alle betrifft: Die unvollständigen Verträge.

Wie so oft in der ökonomischen Theorie schaut es mau aus, wenn man nach einer griffigen Erklärung für Unbedarfte sucht. Aber Sie haben ja das Glück, hier mitzulesen …

Das Leben besteht aus einer Reihe von Verträgen und Vereinbarungen. Jedenfalls für die Vertragstheoretiker.

Ich stehe morgens auf, frühstücke und verabschiede mich dann von meiner Frau: “Ich komm gegen sieben zum Abendessen heim. Wein und Salat bring ich mit. Bussi!”

Hier haben wir schon die erste Vereinbarung: Ich sage meiner Frau mein Kommen und den Beitrag von Salat und Wein zu, meine Frau (die früher zuhause sein wird) bereitet den Rest des Abendessens vor. Wenn ich erst um neun betrunken heimkomme, werde ich Ärger bekommen, weil ich meinen Teil der Vereinbarung nicht erfüllt habe.

Diese kleine Verabredung ist Teil des Rahmenvertrages “Ehe”, den meine Frau und ich vor geraumer Zeit geschlossen haben. Wir versprachen, uns zu lieben und zu achten, in guten wie in schlechten Zeiten … naja, Sie kennen den Text.

Nachdem ich das Haus verlassen habe, gehe ich zur U-Bahn, um in die Arbeit zu fahren. Wieder ein Vertrag: Ich zahle meine Fahrkarte, die Verkehrsbetriebe transportieren mich dafür. Ich finde übrigens, dass sie ihren Teil unserer Vereinbarung ausgesprochen schlecht erledigen: Zugausfälle, Verspätungen, volle Züge … eigentlich sollte ich den Vertrag kündigen, aber es gibt leider keine Alternative für mich, also füge ich mich grummelnd.

Ich komme ins Büro und setze mich an meinen Schreibtisch. Auch meine Arbeit basiert auf einem Vertrag, den hab ich sogar unterschrieben und schwarz auf weiß zu Hause.

Das Spannende ist, dass Verträge explizit nur einen Bruchteil der Vertragsbeziehung regeln können. Mein Arbeitsvertrag etwa hat sechs Seiten, darin steht meine Position, das Gehalt, der Urlaubsanspruch und die Kündigungsregeln.

Wie ich meinen Job erledigen soll, ist natürlich nicht vertraglich geregelt. Welche Kaffeepausen toleriert werden, wieviel ich mit meinen Kollegen privat schwätze, ob ich jetzt erst die Aufstellung für die Bereichsleiterrunde mache oder die Tagesergebnisse unserer Bundesligatipprunde herumschicke, all das steht nirgendwo geschrieben – es beeinflusst aber die Wahrnehmung meiner Arbeitsleistung und das Bild, das mein Chef von mir hat und damit meine Aufstiegschancen und mein künftiges Gehalt.

Die Vertragstheorie versucht, diese Verhältnisse zu erkunden und Gestaltungsmöglichkeiten zu entwickeln, damit die impliziten Erwartungen an den Vertragspartner zu einem guten Ergebnis führen. Erfolgsbeteiligungen, variable Vergütungen, Bonusregelungen sind solche Instrumente im Arbeitsleben. In anderen Situationen des Wirtschaftslebens versucht man, Interessen durch so etwas wie Selbstbehalte und Schadensrabatte bei Versicherungen zu erzielen oder durch Kautionszahlungen bei Vermietungen.

Ein besonders beliebtes Forschungsgebiet für die Ökonomen ist die angemessene Vergütung von Topmanagern. Wie bringt man jemanden dazu, sein Bestes zu geben, Erfolge zu erzielen und im besten Sinne des Unternehmens zu handeln? Wie gestaltet man fixe und variable Komponenten, Vertragslaufzeiten usw. so, dass das Geld der Anteilseigner bestmöglich investiert ist?

Vieles an unvollständigen Verträgen bleibt Auslegungssache. Das merken Sie nicht nur, wenn Sie mit Ihrer Leistungsbeurteilung im Job ganz und gar nicht einverstanden sind. Sie erleben es auch, wenn Sie nach Nutzungsende mit einem Vertreter einer Leasingfirma Ihr Auto zurückgeben. Da entdecken Sie Abgründe an Kleinlichkeit – während Sie sagen, dass das Auto für drei Jahre Fahren und 120.000 km in tadellosem Zustand ist, notiert der Leasingfirmenfuzzi immer neue Lackschäden, Kratzerchen und Schönheitsfehler, die den Rücknahmewert zusammenschmelzen lassen!

Das gilt übrigens auch für implizite Verträge (die weitaus überwiegende Mehrheit unseres Lebens besteht aus impliziten Vereinbarungen): Als meine Frau und ich geheiratet haben, war das eine Grundübereinkunft, in gegenseitiger Achtung und Zuneigung zusammenzuleben. Wer an diesem Donnerstag den Kleinen vom Kindergarten abholt, haben wir damals nicht geregelt. Die Feinheiten müssen sich finden, und wenn das dauerhaft nicht gelingt, muss der Vertrag eben per Scheidung beendet werden.

Auch so etwas wie Bonusregelungen haben Sie in ihrem impliziten Ehevertrag. Glauben Sie nicht? Na, dann denken Sie mal an üppige Blumensträuße, besondere sexuelle Gefälligkeiten oder daran, wie Sie brav und still zu Tante Annelieses Siebzigsten mitgekommen sind …

Der Dreh- und Angelpunkt beim Abschluss unvollständiger Verträge ist fehlende Information. Wenn ich genau weiß, was ich von meinem Vertragspartner erwarten kann, ist so ein Vertrag eine unkomplizierte Sache. Eine Dose Cola im Supermarkt zu kaufen etwa ist einfach. Ich weiß, wie die Cola schmecken wird, ich weiß, wieviel in der Dose drin ist und ich kann erfühlen, wie stark die Dose gekühlt ist.

Wenn ein Unternehmen einen neuen Mitarbeiter anstellen will, ist die Lage ganz anders. Ist der Kandidat für den Job geeignet, werden wir mit ihm zufrieden sein? Hier ist zum einen das finanzielle Risiko höher, weil ein Arbeitsvertrag ja über lange Zeit läuft (im Gegensatz zu meinem Einmalkauf der Coladose). Wenn der Mitarbeiter sich als unpassend herausstellt, muss das Unternehmen außerdem Zeit und Geld investieren, um passenden Ersatz zu finden. Also versuchen Arbeitgeber, soviel wie möglich über den Kandidaten zu erfahren: Sie schauen sich seine Zeugnisse und Referenzen an, prüfen seine Persönlichkeit und fachlichen Kenntnisse in Vorstellungsgesprächen und Einstellungstests. Schließlich vereinbaren sie eine Probezeit oder Probearbeiten, um ihn möglichst genau kennenzulernen, bevor sie eine langfristige Verpflichtung eingehen.

Umgekehrt stellt sich das Problem gleichermaßen: Bevor man als Angestellter zu einem Unternehmen geht, wird man in Erfahrung bringen, was einen erwartet, wie das Arbeitsklima ist usw. Man googelt also, fragt Bekannte, sucht Erfahrungsberichte, schaut sich Arbeitgeberbewertungen an.

Und auch im impliziten Bereich stellt sich das Problem gleichermaßen: Taugt der Schwarm zum Ehepartner? Wird er Vater / Mutter meiner Kinder sein? “Drum prüfe, wer sich ewig bindet …” – nichts anderes ist der Versuch fehlende Informationen über die Qualitäten des Vertragspartners auszugleichen.

Bestimmt haben Sie auch schon mal Verträge abgeschlossen, bei denen Sie wegen fehlender Information ein ungutes Gefühl hatten. Mir geht das immer wieder vor dem Urlaub so. Hotel oder Ferienhaus werden im Prospekt bzw. im Internet natürlich in den höchsten Tönen angepriesen; immer wieder ist ein Haken dabei, den man aber erstmal finden muss.

Das Internet hat viel beigetragen, um Informationsdefizite zu beheben. Jedes Produkt wird tausendfach bewertet und analysiert. Das hilft – etwa wenn man Reiseberichte lesen kann, bevor man sich für ein Urlaubsziel entscheidet. Wenn das Ferienhaus x gute Bewertungen erhalten hat und alle schreiben, wie nett und unkompliziert der Vermieter sei, fällt mir die Entscheidung leichter.

Damit hebt sich das Problem der unvollständigen Verträge und der Informationsasymmetrie aber auf eine neue Ebene: Wenn gute Bewertungen einen Vorteil bringen, dann werden sie eben erkauft. Und schon wird man als Konsument wieder misstrauisch, ob all die 5-Sterne-Hymnen nicht über irgendeine PR-Agentur veranlasst wurden?

Wieder kann man das Spielchen umgekehrt genauso spielen: Ein Ferienhausvermieter berichtete mir mal von Kunden, die vor Ort plötzlich einen saftigen Nachlass verlangten; andernfalls würden sie das Objekt im Netz extra schlecht bewerten. Als Vermieter ist man da praktisch wehrlos, denn wenn man wahrheitsgemäß widerspricht, erhalten potenzielle Kunden das Bild eines zänkischen Rechthabers und Streithansels …

Rund um diese großen Themen drehen sich die Forschungsarbeiten der Herren Hart und Holmström. Sie haben die Mechanismen unvollständiger Verträge in Formeln gepackt und generalisiert. Dass sich diese Aufsätze meist nicht so spannend lesen, wie es dieses äußerst relevante Thema eigentlich verdient, liegt vermutlich am wissenschaftlichen Anspruch. Aber um den müssen wir uns ja hier gottlob nicht scheren.

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