Nicolai Levin

Home » Gesellschaft » Herrn Levins kleiner Erziehungsratgeber

Herrn Levins kleiner Erziehungsratgeber

Kennen Sie schon Herrn Brause (@fritzbrause auf Twitter)? Sollten Sie aber. Hin und wieder bloggt er auch – Brauseschreibt – neulich zum Thema Kindererziehung. Seinem Beitrag ist nichts zu widersprechen, aber vielleicht ein bisschen was hinzuzufügen.

Kindererziehung ist nämlich kein Hexenwerk; davon bin ich überzeugt. Und daher (Tusch!) ein paar Punkte für junge Eltern und solche, die es werden wollen.

1. Haben Sie den Mut, begeistert zu sein!

Fritz Brause schreibt, er sei begeistert von seinen Kindern. Ich bin das auch (also, von meinen – seine kenn ich ja nicht), und ich halte es sogar für eine Selbstverständlichkeit, von seinen Kindern begeistert zu sein. Noch mehr, ich finde es schlimm, wenn Eltern nicht von ihren Kindern begeistert sind.

Wie sich die Kinder machen, liegt bekanntermaßen an drei Faktoren: Gene (meiner Frau ihre und meine – bei uns kann also schon mal nicht viel schief gehen), Erziehung und Glück. Glück gehört dazu – wer in einer Welt aufwachsen darf, in der es leidlich friedlich und zivilisiert zugeht, hat natürlich weit bessere Chancen, als jemand, der jeden Tag mit allen Mitteln ums nackte Dasein kämpfen muss, machen wir uns nichts vor.

Bleibt die Erziehung. Ich bin selbstverständlich auch von der Erziehung überzeugt, die ich meinen Kindern erteile. Wie auch nicht? Wäre ich nicht überzeugt, dass das richtig ist, würde ich es ja anders machen.

Das klingt jetzt vielleicht doof, aber ich bin überzeugt, in der Kindererziehung haben Selbstzweifel nichts zu suchen. Genau so wenig wie bei einem Raubtierdompteur übrigens. Ich vermute, viel von der Wischiwaschihaltung, die auch Herr Brause beklagt, liegt daran, dass Eltern unsicher sind, das Richtige zu tun. Sie ziehen Bücher zu Rate, rennen in Vorträge und Selbsthilfegruppen, und wenn es konkret wird, und sie dem Kind gegenüber was entscheiden müssen, zögern sie und eiern herum. Die Raubtiere wittern die Unsicherheit und Angst, wenn einer mit vollen Hosen in ihren Käfig kommt. Für ein Kind, das Verlässlichkeit und Halt braucht, um sich in einer unbekannten Welt zurechtzufinden, ist das nicht viel anders.

2. Bleiben Sie entspannt – auch bei Fehlern!

Also stehen Sie zu Ihren Entscheidungen! Haben Sie keine Angst, Fehler zu begehen. Jeder macht Fehler, gerade bei der Kindererziehung. Das ist ganz normal und gar nicht schlimm. Hier unterscheidet sich die Kindererziehung von der Raubtierdressur – während für den Dompteur ein Fehler potenziell tödlich ist, müssen sie keine so gravierenden Konsequenzen befürchten.

Viel von der Verkrampftheit, die ich bei Eltern beobachte, kommt von der panischen Angst, etwas falsch zu machen. Nur ja richtig reagieren in jeder Lebenssituation, nur ja das Kind optimal fördern, ernähren Aber Kinder sind robuste Pflänzchen, die nicht beim ersten Erziehungsfehler gleich zu Massenmördern, Bettnässern oder AfD-Sympathisanten werden. So wie Kinder die positiven Dinge und Fortschritte, die sie machen, nur durch häufige Wiederholung und Übung erlernen, so verfestigen sich auch Ihre Fehler erst, wenn sie für Ihr Kind zu einem Muster und einer erlernten Erfahrung werden. Sie haben also genügend Zeit, gegenzusteuern und einen Fehler auszuwetzen, keine Sorge!

3. Gestehen Sie Fehler ein!

Wenn Sie erkannt haben, dass Sie einen Fehler gegenüber Ihrem Kind gemacht haben, gestehen Sie das ruhig ein. Es fällt Ihnen auch kein Zacken aus der Krone, um Entschuldigung zu bitten.

Nach meiner Erfahrung fällt es Kindern erstmal ziemlich schwer, “normal” um Verzeihung zu bitten: Entweder sie sehen ihren Fehler nicht ein, sind nicht schuldbewusst und entsprechend bockig oder aber sie sind völlig aufgelöst und verzweifelt ob ihres Fehlverhaltens. Dass man nicht alle Würde verliert, wenn man einen Fehler eingesteht und beim Opfer um Nachsicht und Verzeihung bittet, dass es manchmal wichtiger sein kann, eine Beziehung zu kitten, als den letzten Rest von Wahrheit aus einer Situation zu kitzeln, all das müssen sie lernen – am besten, indem sie es erleben. Und wo besser als bei den eigenen Eltern?

Übrigens: Auch wenn ich einen Fehler zugunsten des Kindes gemacht habe, sage ich ihm das (wenn es passt): “Ich halte es inzwischen für falsch, dass ich dir gestern den Kinobesuch erlaubt hab, obwohl du deine Mathehausaufgaben noch nicht gemacht hattest. Beim nächsten Mal werd ich da strenger sein.” Mein Kind muss wissen, was es von mir erwarten kann. Und auch, warum ich heute anders entscheide als gestern. Wenn schon inkonsequent, dann wenigstens richtig!

4. Sie sind Vorbild, ob Sie wollen oder nicht

Kinder lernen durch Nachahmung, und die Eltern sind mit die wichtigsten Bezugspersonen dafür. Diese Vorbildfunktion erschreckt offenbar manche Eltern und trägt zu deren Unsicherheit bei. Weil sie glauben, sie müssten Mutter Teresa und Superman in einer Person sein, und sich da naturgemäß überfordert fühlen, erheben sie Kindererziehung zur Wissenschaft und machen die Autoren von Ratgebern reich.

Dabei ist die Logik doch ganz schlicht: Man kann von den Kindern nicht mehr erwarten, als man ihnen vorlebt. Wer erwartet, dass die Kinder manierlich Obst essend Arte gucken, während die Eltern sich mit Chips und Cola auf dem Sofa fläzen und RTL2 schauen, der ist halt leider falsch gewickelt.

Die gute Nachricht vom beispielhaften Elternverhalten: Bei “gutem” Vorleben erhält man automatisch Munition gegenüber den renitenten Kleinen: “Mama und ich streiten uns auch. Aber hast du je gehört, dass wir uns so beschimpfen, wie ihr das tut? Ich hab sie jedenfalls noch nie ‘blöde Mistsau’ genannt!”

Neben einer gewissen Selbstdisziplin im täglichen Leben mit den lieben Kleinen heißt es für mich vor allem, von überzogenen Erwartungen an den Nachwuchs Abschied zu nehmen.

Tischsitten sind da ein Musterbeispiel: Für mich ist es immer ein schlechtes Zeichen, wenn sich Kinder im Gasthaus anders benehmen müssen, als sie das von daheim gewohnt sind. Die Kleinen sind eh aufgeregt, und sie wollen einen guten Eindruck hinterlassen – damit haben sie schon Stress genug! Da sollten sie nicht auch noch mit Tischmanieren kämpfen müssen, mit denen sie nicht vertraut sind. Das heißt für mich zum einen, dass es daheim so zivilisiert zugehen muss, dass man mit Standardmanieren in Standardrestaurants gehen kann – und eben Lokale zu meiden, die meine Kinder überfordern würden.

Wenn man gute Küche mag, kommt man vermutlich irgendwann dahin, dass Restaurants Dinge anbieten, die man zu Hause nicht macht: Der Gruß aus der Küche, die Schneckenzange, das Hummerbesteck. Aber wenn die Kinder in anderen Belangen sich unverkrampft im Restaurant wohlfühlen, kann man solche neuen Erfahrungen locker wegstecken: “Nein, du hast das nicht bestellt, aber es ist schon okay, du darfst es essen. Man nennt es ‘Gruß aus der Küche’, das beweist, dass wir in einem gehobenen Restaurant sind …” – wenn der Service was taugt, wird er das ohne Wimpernzucken hinnehmen. (Meine Kinder finden es übrigens super und spekulieren seit ihrer ersten Erfahrung mit Amusegueules bei jeder Familienfeier, ob das Lokal wohl so beschaffen ist, dass man einen Gruß aus der Küche erwarten darf …)

5. Rituale statt Regeln

Gerade wenn es um so Dinge wie Tischmanieren und Benehmen geht, stößt man irgendwann auf das Problem, dass neben unserer eigenen kleinen Familie eine große verderbte Welt da draußen besteht. Und Kinder sind gnadenlos bei sowas: “Uns sagst du immer, wir sollen die Suppe nicht schlürfen. Aber der Onkel Alois bei Omas Geburtstag hat auch geschlürft, und da hast du nichts gesagt!” Touché!

Ja, es gibt Menschen, die wir mögen und schätzen, bei denen wir aber Verhaltensweisen beobachten, die wir zu Hause nicht so dulden werden. Richtig glatt kommt man aus der Nummer nicht raus, aber Rituale sind ein Hilfskonstrukt: Bei Familie Levin gibt es Familienrituale; wir kuscheln nach dem Haareföhnen; wir haben Bienenwachskerzen am Weihnachtsbaum; wir schauen Freitags alle zusammen ‘Logo’ und essen Erdnussflips dazu. Und bei uns gibt es eben auch kein Suppeschlürfen und wir haben Fischbesteck und Buttermesser.

Wenn bei Freunden, Nachbarn und Verwandten andere Rituale herrschen, so sei es. Bei Kowalskis wird vorm Fernseher abendgegessen? Kommt bei uns nicht in Frage (außer es ist mindestens WM-Viertelfinale oder so …). Bei von Itzenplitzens haben sie Messerbänkchen und essen das Wurstbrot mit Messer und Gabel? Können sie gern machen, wir finden es aber übertrieben – wenn die Kinder partout Messer und Gabel zur Stulle haben wollen, bitte, dürfen sie natürlich.

6. Es bleibt kompliziert

Freilich rettet einen all das nicht vor Enttäuschungen und Rückschlägen. Und es wird alles nochmal verzwickt, wenn man direkt auf andere Eltern und Kinder stößt. Auch wir haben (wie Herr Brause) schon Urlaub mit anderen Familien gemacht und sind auf unterschiedliche Vorstellungen gestoßen. Das sind meist keine fundamentalen Unterschiede, sondern Feinheiten, was man den Kindern zumuten darf, wo man streng und konsequent sein will und wo nicht. Gibt es kurz vorm Abendessen noch ein Eis? Wir haben nein gesagt, die andern Kinder dürfen aber. Blöd.

Oder: Lokal. Erwachsenentisch und Kindertisch. Wir wollen, dass unsere zu Selbständigkeit erzogenen Kinder ihr Essen selbst auswählen und direkt beim Ober bestellen, die anderen Eltern bestellen aber gleich präventiv für ihre Kinder mit. Auch blöd.

Das Positive an solchen Situationen ist, dass die Kinder so auch lernen, dass es Ermessensspielräume gibt, dass das Leben manchmal ungerecht sein kann und dass Eltern einfach in bestimmten Dingen unterschiedlich ticken. Und dann kann es sogar passieren, dass zum Ende des Multifamilien-Urlaubs dein Kind zu dir kommt und dir sagt: “Ich bin übrigens froh, dass ihr uns nicht so behandelt wie Mias Eltern das mit ihr machen.”

Das fühlt sich dann gut an, richtig gut!

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: