Nicolai Levin

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Sieben Reiter geben Entwarnung

Vor einigen Wochen habe ich an dieser Stelle einen Beitrag über eine konservative Antwort auf die AfD geschrieben. Anlass war ein Artikel in der taz;  in dessen Kommentaren wies ein Leser auf ein Buch hin, das man gelesen haben müsste, um zu verstehen, wie die Konservativen heutzutage tickten: “.Sept Cavaliers ..” von Jean Raspail. Da mich das Thema schon länger beschäftigt, hat mich prompt die Neugier gepackt und ich wollte aus erster Hand erfahren, was dran sein könnte …

Bei Amazon war erstmal Fehlanzeige. “Sieben Reiter verließen die Stadt” gibt es dort nur gebraucht oder über Drittanbieter mit saftigen Versandpauschalen. Also bin ich ganz altmodisch ins Buchgeschäft gegangen und hab’s mir bestellt. Später erfuhr ich, dass Amazon offenbar nichts mit dem deutschen Verlag Antaios zu tun haben will. Wenn man das Sachbuchprogramm dort ansieht, kann man verstehen, warum. Da findet sich in der Tat einiges Unschöne und Abstoßende – Titel, die verdächtig völkisch und Pegidamäßig klingen. Auch die Vita von Verlagsleiter Götz Kubitschek lässt keinen Zweifel an dessen Gesinnung am weit rechten Rand des politischen Spektrums.

Aber mir geht es ja um Raspail, nicht um seinen deutschen Verleger.

Raspail hat 1973 das ‘Heerlager der Heiligen‘ geschrieben, in dem eine sehr große Zahl indischer Flüchtlinge übers Meer nach Frankreich kommt und das Land ins Chaos stürzt. Armutsmigration war zu jener Zeit in rechten oder auch nur bürgerlichen Kreisen kein Thema. In marxistischen Zirkeln wurde es diskutiert, die den Spätkapitalismus in seiner allerletzten Phase sahen, oder in christlich-grünen Dritte-Welt-Gruppen, die mit Jutesackerln und selbstgestrickten Inkamützen gegen die Ungerechtigkeit von Hunger und Elend an der Peripherie des Weltgeschehens angehen wollten. Dass die Menschheit einmal so mobil werden würde, dass aus den Gegensätzen von Reich und Arm handfeste Problem für die Länder des Nordens wüchsen, konnte sich Anfang der 1970-er sonst kaum jemand ausmalen. Als die Realität des Sommers 2015 Raspails Schreckensbild nachzuzeichnen begann, avancierte er zum gefeierten Propheten der Rechten.

Ob sein drittes Werk ‘Sire‘ je an die Realität stoßen wird, darf dagegen bezweifelt werden. Hier lässt Raspail den letzten Spross der Bourbonen im Jahre 1999 wieder zum französischen König krönen.

Sieben Reiter verließen die Stadt” spielt in einem ungenannten Reich zu einer ungenannten Zeit. Beides lässt sich zwar durch Informationen im Buch eingrenzen (dazu später mehr), bleibt aber erstmal vage. Es herrschen Chaos und Bürgerkrieg; der Herrscher, ein gütiger alter Markgraf, hält mit einer Handvoll Getreuer noch die Burg der Hauptstadt; eine Seuche hat die Bevölkerung dezimiert; die Jugend ist zudem einem halluzinogenen Pilz verfallen. Kirchenbänke dienen als Brennholz, jeder kämpft gegen jeden. Angefangen hat das Unglück, als sich die Jugendlichen völlig unerwartet mit abruptem Hass und Gewalt gegen die Ordnung der Erwachsenen aufzulehnen begannen.

Da befiehlt der Markgraf den Oberst Silvius von Pickendorff zu sich, er soll mit sechs anderen losreiten und in Erkundung bringen, ob anderswo das gleiche Chaos herrscht. Silvius sucht und findet sechs passende Mitreiter und macht sich auf den Weg.

Man erfährt im Verlauf des Buches einiges, was zur zeitlichen Einordnung hilft. Der Stand verfügbarer Technik lässt auf die Mitte des 19. Jahrhunderts schließen – es gibt Karabinergewehre, Eisenbahnen, Telegrafen und Daguerreotypien, aber keine Telefone, Automobile oder Flugzeuge. Die Eisenbahn habe man vor 30 Jahren eingeführt, heißt es, und das Stahlkonstrukt des prächtigen Hauptbahnhofes sei ein frühes Werk Eiffels.

Welches Land aber kann Raspail gemeint haben? Die Namen der Personen klingen meist deutsch und französisch, die Konfession ist katholisch, Fauna und Flora mehr oder weniger mitteleuropäisch, ein Erinnerungsstein mahnt daran, dass Hadrians Legionen einst durchs Land gezogen waren – am östlichen Rand des Reiches, das wäre dann wohl das heutige Rumänien. Ein Hafen im Südwesten verbindet das Land mit südlichen Kolonien, zu denen man eine Woche mit dem Schiff fährt. Nach Osten hin grenzen hohe Gebirge das Land ab. Die Erzfeinde des Landes – zu Hause jenseits dieser Berge – werden Tschetschenen genannt. Einmal erfährt man die Koordinaten eines Schiffsgefechts: Wenn man die Zahlen bei Google Maps eingibt, landet man im Schwarzen Meer vor der Küste der Krim. Raspail hat also munter gemischt: Mitteleuropäischer Habitus verbunden mit der Tradition christlicher Außenposten, wie man sie vielleicht in Armenien oder Georgien sehen kann.

Als Roman ist die Geschichte flott und spannend geschrieben: Auch hier findet sich aus vielen Quellen etwas. Ein bisschen erinnert die schneidige Schar an Alexandre Dumas’ Musketiere; der Abgesang erinnert ein wenig an Ernst Jüngers Marmorklippen; der Weltenbrand lässt an Tolkiens Mittelerde denken.

Konservativ ist natürlich die ganze Anlage der Geschichte. Seit Platons Zeiten klagen die Erzieher über die Verderbtheit und den Niedergang der Jugend. Und auch sonst sind die Muster klar: Die Aristokraten sind gut und edel und selbstlos, während im gemeinen Volke Selbstsucht und Gemeinheit herrschen. Die (katholische) Kirche gibt Halt und Ordnung – alles Anarchische, Zügellose, Chaotische rüttelt an diesem heiligen Gerüst. Frauen kommen wenige vor: Sie sind entweder enthobene Prinzessinnen (des Markgrafen Tochter) oder notgeile Huren (alle anderen). Raspails Helden bewahren für sich die gute alte Ordnung gegen alle Widrigkeiten der Wirklichkeit, gegen Mehrheiten und die schiere Übermacht der Gewalt. Zum Ende übernimmt nach und nach jeder einen verlorenen Posten, an dem er wohl zu Grunde gehen wird; bis auf die beiden verbliebenen Figuren, die in einem fulminanten (und überraschenden) Ende an der verlassenen Grenzstation in einen Zug steigen, der losfährt und dann in einer traumgleichen Wandlung als Pariser Vorortzug in unserer Jetztzeit ankommt.

Soweit ist Raspails Geschichte eben die Abenteuergeschichte eines konservativen Dichters. Über die Qualität mag man streiten, ich hab mich alles in allem amüsiert bei der Lektüre. Muss uns die Weltsicht des Autors stören? Ist sie gefährlich? Raspails Frauenbild scheint dem von Donald Trump zu gleichen, aber das unterscheidet ihn auch nicht groß von Ian Flemings James Bond.

Bedenken wir: In Karl Mays Büchern finden wir einen bigotten Nationalisten (da rettet ihn nicht einmal, dass Winnetou schwul war). Muss man die Jugend deshalb vor ihm schützen? Ich denke, nein.

Die eigentlich interessante Frage, die sich mir stellt: Taugt das Werk als Abziehbild für das Politische, kann man / muss man politisch etwas hineinlesen?

Jede politisch motivierte Dystopie stellt zugleich eine Warnung dar: Orwells ‘1984‘ mahnt uns, unsere Privatsphäre zu schützen und uns nicht einem Diktat der Bequemlichkeit zu unterwerfen,  Huxleys ‘Schöne neue Welt‘ warnt vor Kastendenken und elitärem Dünkel, Saramagos ‘Stadt der Blinden‘ singt das hohe Lied der Mitmenschlichkeit und Solidarität. Raspail bietet nichts dergleichen; woher das Unglück kommt, wie es hätte verhindert werden können, wie es sich ausbreitet, lässt er im Dunklen. Er konfrontiert uns nur mit einer Welt, die sich in dem chaotischen und schlimmen Zustand nach der Katastrophe befindet. Seine Helden kennen und vertreten die gute und gerechte Ordnung, die dahin ist, aber sie können nichts dafür tun, außer ihren aus der Zeit gefallenen Ehrenkodex hoch zu halten und ihre Werte mit sich in den Untergang zu nehmen.

Raspails Konservativismus ist vor allem elitär: Aristokratie und eine streng hierarchische Kirche tragen die Säulen seiner Welt. Wer ihm gedanklich nahe steht, den lässt das Buch vermutlich eher resigniert und verbittert zurück. Aber so jemand dürfte von den Erfolgen der Rechtspopulisten, der Nigel Farages und Donald Trumps, ebenso angewidert sein wie seine linksliberalen Kollegen. Als politische Kampfschrift taugt “Sieben Reiter …” daher wenig in den Zeiten, in denen genau diejenigen triumphieren, die sich von rechts unten gegen die etablierten Eliten aufspielen. Nein, Jean Raspail ist kein gefährlicher Prophet der Neuen Rechten oder der Identitären – die setzen intellektuell auf weit stumpferes Gerät.

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