Nicolai Levin

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Lektüre für den Liegestuhl. 2017.

Der Juni geht zu Ende, allerhöchste Zeit für meine jährlichen Lesetipps für Sie!

Ausnahmsweise möchte ich mal ein Sachbuch anpreisen: J D Vance Hillbilly Elegy – viel zitiert, und zurecht hoch gelobt. Das Buch beschreibt Amerikas Hinterwald, da wo die Leute herkommen, die Trump in den Sattel gehoben haben. 2015 erschienen, also deutlich vor den Präsidentschaftswahlen, hat es den Anspruch, Verständnis zu wecken für die Umwälzungen im politischen Amerika der letzten Jahre. Natürlich kann auch Vance die Frage nicht beantworten, wie es passieren konnte, dass ein selbstverliebtes ignorantes Großmaul tatsächlich ins Weiße Haus kam, aber er beschreibt sehr anschaulich, wie die Leute ticken, die so jemanden unterstützen und gutfinden.

Der Autor ist groß geworden in den Appalachen, da, wo es ganz schlimm ist. Arbeitslosigkeit, fehlende Perspektiven, kaputte Familien, keine Schulabschlüsse, gewalttätige Typen, Leben in Wohnwägen, Drogen, Verbohrtheit und Stolz, ein Ehrenkodex jenseits von Recht und Gesetz – Vance kennt alles aus erster Hand. Er hat rausgefunden aus diesem Milieu, schaffte den College-Abschluss, diente bei den Marines, ging nach Yale und wurde Firmenanwalt. Diese (so richtig typisch amerikanische) Siegergeschichte erzählt Vance bescheiden und dankbar – er weiß, welche externen Glücksfälle ihm seinen Ausbruch ermöglicht haben. Das Buch braucht diesen Kontrast zum Elend dringend, sonst wäre es rundum deprimierend. Bemerkenswert fand ich, wie es Vance gelingt, sowohl seine alte wie seine neue Welt in ihren Fehlern und Schwächen unvoreingenommen und kritisch zu analysieren und sich doch nicht um seine Sympathie und Verbundenheit bringen zu lassen. Auch in 2017 unbedingt lesenswert!

Zurück nach Europa. Auch autobiografisch und an die Wirklichkeit angelehnt ist Eva Menasses Vienna. Der 2005 erschienene Roman erzählt aus der Ichperspektive der Autorin deren Familiengeschichte des 20. Jahrhunderts. Der Vater, nach den Maßstäben der Nazis “Halbjude”, verlässt 1939 als Kind Wien und wächst in England auf, wo sein Fußballtalent entdeckt wird (später wird er es in Österreich bis zum Nationalspieler bringen). Der Großvater überlebt den Naziterror dank seiner nichtjüdischen Frau (die er laufend betrügt). Die Familie findet nach dem Krieg in Wien wieder zusammen, man streitet und diskutiert, man liebt und lügt und betrügt, man spielt Fußball und Tennis und Karten. Eva Menasse mischt Begebenheiten und Anekdoten, es findet sich viel Lokalkolorit, viel Milieu – eine schräge Mischung aus großer Familiensaga, Friedrich Torbergs Tante Jolesch (die ich Ihnen auch wärmstens ans Herz lege, falls sie sie nicht eh schon kennen) und dem Mundl Sackbauer (den kennen Sie aber?! Falls nicht, suchen Sie mal in Youtube nach Ein echter Wiener geht nicht unter) ist so zusammengekommen. Vermutlich reicht das nicht zu großer Literatur, aber mir hat das Lesen großen Spaß bereitet, und bei einigen der Malapropismen (“sie ist eine Schlange im Wolfspelz”) musste ich laut lachen. Die Kritik in Deutschland urteilte sehr positiv, in Österreich ist das Buch eher schlecht weggekommen; ob das mit der blinden Liebe der Piefkes zu Wien zusammenhängt oder mit dem typisch österreichisch-jüdischen Selbsthass, sei dahingestellt.

Eva Menasse ist mit Michael Kumpfmüller verheiratet, was ich gar nicht wusste, als ich dessen Buch Die Erziehung des Mannes (2016 erschienen) las. Auch hier war die Kritik gemischt, und auch hier darf ich sagen: Mir hat’s gefallen. Der Ich-Erzähler Georg ist Komponist und berichtet von seinem Leben und seinen Beziehungen. Die machen es ihm nicht immer einfach, schwierige Frauen, gescheiterte Beziehungen, ein familiärer Rucksack – schon die Ehe der Eltern war eine Katastrophe. Ich weiß gar nicht, was mich für das Buch eingenommen hat: die geschickte Struktur (im ersten Teil erfahren wir vom Erwachsenenleben des Erzählers, im zweiten dann von seiner Kindheit, die vieles erklärt, was da später schiefläuft) oder die wohlige Mischung aus eigenem Nachempfindenkönnen und dem stolzen Bewusstsein, es in meinem Leben dann doch besser hinbekommen zu haben als der Romanheld.

Enttäuscht hat mich dagegen Umberto Ecos Der Friedhof von Prag, endlich gelesen angesichts des Ablebens des von mir verehrten Autors. Die Geschichte des Urkundenfälschers Simonini, der aus dem Turin der Savoyer ins Paris von Napoléon III kommt, spannt einen weiten Bogen. Der Held verbündet sich opportunistisch und skrupellos mit Geheimagenten und Desinformanten, und ganz nebenbei können wir als Leser die verschlungenen Pfade bestaunen, an deren Ende das berüchtigte antisemitische Hetzwerk der “Protokolle der Weisen von Zion” stehen wird. Im Anhang erfahren wir, dass so ziemlich alle Figuren außer dem Helden authentisch waren, aber für den Forrest-Gump-Effekt fehlte es mir offenbar an der erforderlichen Bildung, um ein Wiedererkennen zu feiern. Die Geschichte mäandert und tröpfelt ohne rechten Höhepunkt, sie schafft es (jedenfalls bei mir) aber auch nicht, mich in den Fabuliersog zu ziehen, den Eco etwa in seinem Foucaultschen Pendel oder dem wunderbaren Lügenreigen seines Baudolino geschaffen hat. Auch der Handlungsort entfaltet keinen Zauber, dabei hätte das alles so wunderbar sein können: Paris, Belle Époque, Chapeau claque und Fräcke, Krinolinen und Koteletten – nein, es bleibt alles irgendwie dünn und blass, da und dort schmunzelt man über ein charmantes Spässle, aber im Ganzen kann es nicht überzeugen.

Letztes Jahr hab ich an dieser Stelle verkündet, mich von katholischen englischen Autoren fernzuhalten, nach dem Reinfall mit Wiedersehen mit Brideshead von Evelyn Waugh. Ist es Masochismus oder ein trotziges Jetzterstrecht? Ich hab mich jedenfalls nicht dran gehalten und mir in den langen Winterabenden, wenn nix im Fernsehen kam, Waughs komplette Kriegs-Trilogie gegeben. Einzeln erschienen unter den Titeln Men at Arms, Officers and Gentlemen und Conditional Surrender; die Trilogie wurde noch einmal gebündelt veröffentlicht als Sword of Honour – deutsch: Ohne Furcht und Tadel. Die etwas skurrile Geschichte von Guy Crouchback, dem aus der Zeit gefallenen introvertierten englischen Katholiken, der sich berufen fühlt, im Kampf gegen Hitlers Barbarei Heldentaten zu vollbringen und daran von den Umständen, der Bürokratie und den Zeitläuften gehindert wird, basiert auf Waughs eigenen (romanreifen) Kriegserlebnissen. Waugh ist in diesen Büchern ein feiner und unbestechlicher Beobachter mit einem wunderbar melancholischen Sinn für Humor und Ironie. Dass seine (bzw. die seines Helden) moralische und gesellschaftliche Kalibrierung nicht recht in die Zeit passt, daraus schafft er in diesem Buch eine hoch unterhaltsame Lesekost, die mit den großen historischen und schwerverdaulichen Themen leichtfüßig und elegant lakonisch jongliert. Wer sich für die englische Gesellschaft und den Zweiten Weltkrieg interessiert, wird nicht enttäuscht, auch wenn er oder sie nichts mit der römisch-katholischen Kirche am Hut hat. Versprochen!

Kommen wir zu den Krimis und bleiben wir gleich beim Geschichtlichen. Volker Kutscher ist Autor einer Reihe von Kriminalromanen um den Ermittler Gereon Rath, die im Berlin der zu Ende gehenden Weimarer Republik und der beginnenden Nazizeit spielen. Das historische Drumherum beschreibt er von je her sehr akkurat und interessant, mit den Figuren und den Kriminalfällen hatte ich in den ersten Teilen so meine Bauchschmerzen (hab sie aber in Kauf genommen, weil ich das Zeitenbild so lebendig und gut fand) – inzwischen hat Kutscher seinen Ton und seinen Stil gefunden. Märzgefallene jedenfalls war für mich ein unterhaltsamer Zeitvertreib: Frühjahr 1933, nach dem Reichstagsbrand wird die Polizei zunehmend politisiert. Eine Mordreihe an Weltkriegsveteranen scheint da genau ins Bild zu passen. Mit Gereon Rath hat Volker Kutscher einen unpolitischen aber wachen Jedermann erschaffen, der glaubwürdig in diese turbulente Zeit passt. Allerdings sollten Sie, um die Figuren zu verstehen, vermutlich die Reihe von Anfang an lesen.

In der Gegenwart spielen die Geschichten von Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt um den schwedischen Profiler Sebastian Bergman. In dieser Figur des cleveren, aber total sozial unkompatiblen Egozentrikers kommt die nordische Tradition des seelisch verletzten und emotional gestörten Detektivs zu einem traurigen Höhepunkt. Sebastian Bergman ist einfach ein kaputtes Arschloch, das dann noch nicht mal mit genialen Erkenntnissen die Kriminalfälle löst, sondern mehr geduldet als gefeiert im Team der Reichsmordkommission mitschwimmt. Was mir an den Geschichten gefällt, ist der Rest des Teams, dessen Arbeit (soweit ich als Außenstehender das beurteilen kann) recht wirklichkeitsnah geschildert ist. In den drei Romanen, die ich gelesen habe, klingen Tatumstände und Lösung alles in allem plausibel und nachvollziehbar. Das kann man ja beileibe nicht von allen Krimis aus Skandinavien sagen, wo die Dichte an Krimischreibern und fiktiven Tötungsdelikten erschreckende Dimensionen angenommen hat.

Ich hoffe, es ist was für Sie dabei. Genießen Sie die Ferienzeit!

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