Nicolai Levin

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Jobs für die Gesündesten? Wie krank ist das?

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Die Post steht in der Kritik. Nicht wegen des Briefportos oder weil der DHL-Mann schon wieder niemanden angetroffen haben will, sondern wegen ihrer Personalpolitik. Konkret geht es um eine Vorgabe, dass Mitarbeiter nur dann von befristeten in unbefristete Arbeitsverhältnisse übernommen werden, wenn sie selten krank waren.

Ich bin kein Jurist und kann daher nicht exakt sagen, inwieweit diese Leitlinie gegen irgendwelche Nichtdiskriminierungsregeln verstößt. Allerdings kenne ich die Personalbeschaffung (oder wie sie es selbst viel lieber nennen: das Recruiting) mehrerer deutscher Unternehmen von innen – darunter auch ein paar große Brocken. Und ich kann Ihnen sagen: Alle, alle, alle diskriminieren sie. Jeden Tag.

In den Zeiten, wo Gleichstellungsgesetz und eine kritische Öffentlichkeit auf Fehlleistungen lauern, darf das natürlich keiner zugeben. Und keiner ist so blöd, es offiziell zu machen. Niemand wird eine Schriftspur hinterlassen.

Aber in jedem Unternehmen gibt es für viele Stellen neben den offiziellen Anforderungen, die in den Stellenausschreibungen stehen, inoffizielle Auswahlkriterien bei der Entscheidung, wer zu Gesprächen eingeladen wird und den Job bekommen könnte: niemand über 40, keine Frau, keine Frau unter 35, kein Techniker, nur deutsche Muttersprachler … Bei internen Stellenvergaben, wo exaktere Daten vorliegen, spielen natürlich auch Krankheits- und Ausfalltage eine wesentliche und nichtkommunizierte Rolle bei der Entscheidung.

Diskriminierung ist geübte Praxis. Sie begegnet Ihnen gar nicht so selten: Wenn Sie zum Empfang der Hauptverwaltung eines großen Unternehmens mit Kundenkontakt kommen, wer wird Sie dort begrüßen? Mit hoher Wahrscheinlichkeit jemand, der nett anzuschauen ist. Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie am Empfangsdesk auf einen übergewichtigen Rollstuhlfahrer (m/w) treffen? Nein, viel eher werden Sie von einem überdurchschnittlich adretten, attraktiven und unterdurchschnittlich alten Menschen (m/w) begrüßt. Eigentlich dürften Faktoren wie Aussehen oder Behinderung bei gleicher Eignung überhaupt keine Rolle spielen. Welch Zufall, dass sich offenbar nur schnuckelige Youngster um Empfangsjobs zu bewerben scheinen!

Interessanterweise sind die Personaler, die ich kenne, nur selten von Vorurteilen geleitet oder wählen diskriminierende Kriterien aus bösem Willen, weil sie was gegen Ausländer oder Frauen oder Senioren hätten. In der Regel sind das liberale Köpfe, die in der Welt herumgekommen sind, viele unter ihnen Frauen. Was sie haben, sind Erfahrungswerte und Menschenkenntnis. Und die zeigen, dass es fürs Unternehmen leider zu oft nicht gut ausgeht, wenn man unpassenden Kandidaten einfach mal eine Chance gibt. Die gelebte inoffizielle Diskriminierung ist schlicht eine bewährte und ökonomisch getriebene Optimierungsentscheidung.

Gerade im Fall der Krankheitstage bestätigt die Praxiserfahrung (auch meine eigene), dass die Post ökonomisch richtig liegt: Die gesammelten Krankheitstage eines Teams / einer Abteilung / eines Unternehmens sind in der Regel sehr ungleich verteilt. Der Löwenanteil der Ausfalltage geht auf das Konto von ein paar Problemfälle: Schwerkranke, Rekonvaleszenten, Leute mit chronischen Leiden, gerne mit psychosomatischer Komponente (Burnout, Rücken oder Sucht z.B.). Dann gibt es in jeder Einheit einige Kollegen (m/w), die einfach anfälliger sind für Infektionen als andere und die dann auch konsequent daheim bleiben. Und am anderen Ende der Skala finden sich die vielen, die einfach nie ausfallen – und nur alle Jubeljahre daheim bleiben, weil sie einen Beinbruch haben oder der Blinddarm raus muss.

Wenn nun die Auswahl ansteht, wer unbefristet eingestellt werden soll und die Leistungsunterschiede sonst nicht groß ins Gewicht fallen, kann man aus Unternehmenssicht den Personalern etwas anderes empfehlen, als die historisch Gesündesten auszuwählen?

Natürlich ist das unfair gegenüber allen, die ja nichts dafür können, dass sie ein chronisches Leiden haben oder anfälliger sind für Attacken aufs Immunsystem oder sich einfach in den vergangenen Jahren ein paar Mal unverschuldet doofe Krankheiten eingefangen haben. Genau so wie anderswo die Frauen, die nicht optimal Alten und die Hässlichen nichts dafür können, wenn sie benachteiligt werden. Andererseits: Ist es die Aufgabe der Personalabteilung, für allgemeine Gerechtigkeit zu sorgen? Oder nicht viel eher, fürs Unternehmen die ökonomisch sinnvollsten Enscheidungen zu treffen?

Dass der Gesetzgeber gegen Diskriminierung eintritt, findet meine Zustimmung. Ohne Not darf keiner diskriminieren. Da, wo die Benachteiligung wirtschaftliche Gründe hat, da, wo eine Nichtbenachteiligung zu materiellen Einbußen für den Arbeitgeber führt, finde ich es legitim, wenn Unternehmen das Gesetz unterlaufen.

Und was ist nun mit den Mädels am Empfang? Direkten wirtschaftlichen Einfluss werden sie nicht haben. Andererseits erfreut so ein angenehmer Anblick natürlich Kunden und Geschäftsfreunde. Und wenn ich ehrlich bin und zugebe, dass ich beim Supermarkt auch zu denen gehöre, die sich in die Schlange mit der attraktivsten Kassiererin stellen, dann könnte auch die Diskriminierung zugunsten der hübschesten Empfangsdamen wirtschaftlich gut begründet sein …

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1 Comment

  1. […] bestimmte Kriterien wie Krankheitstage festzulegen, jede Firma würde (und sollte) das tun. Den Ausführungen von Nicolai Levin hierzu stimme ich daher zu. Bis auf einen Punkt: Warum müssen es immer gutaussehende junge Damen […]

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