Nicolai Levin

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Wenn ich noch einmal ‘Narrativ’ höre, schreie ich !

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Jede Zeit hat ihre Modewörter. Wendungen, die in bestimmten Kreisen hip werden und sich dann ausbreiten wie multiresistente Keime. In meiner Jugend war es das Paradigma bzw. sein Wechsel. Jeder Wissenschaftler wusste davon, jeder Umbruch, jeder Wandel musste in den späten Siebzigern zum Paradigmenwechsel werden. Es war zum Kotzen. Spätestens 1990 waren gottlob alle Paradigmen gewechselt und seither haben wir Ruhe davon.

Wir Heutigen leiden hingegen unter dem Narrativ.

Bis vor ein paar Jahren verwendeten das Wort nur Germanisten und Literaturwissenschaftler, denen “Plot” zu angelsächsisch klang.

Dann begann es sich auszubreiten. Nichts hielt es auf. Anfangs fand ich es noch ganz ansprechend, dass man Politik und Geschichte aus der Perspektive des Erzählerischen analysierte. Hat ja was; Werbung und Wahlwerbung, Imagegestaltung, all das hat durchaus damit zu tun, dem Publikum eine plausible Story zu verkaufen, dass man sich hinter einzelnen Slogans und Hochglanzbildern eine mögliche schlüssige Geschichte vorzustellen hatte.

Doch bald wurde das Narrativ zum Blähwort. Heute benutzt es jeder und schert sich einen Dreck um Kontext oder korrekte Verwendung. Das Narrativ ist zum modischen Synonym für so ziemlich alles geworden: Kausalketten, Logik, Argumentation, Diskussionen, eigentlich alles, was irgendwie strittig ist oder auch nur interessant. Wenn ich meiner Frau zu wenig im Haushalt helfe, pflege ich das Narrativ des egoistischen Paschas. Stellen sich meine Kinder bockig an bei ihren Hausaufgabenn, haben wir es mit einem pubertären Narrativ zu tun.

Meine einzige Hoffnung liegt darin, dass das Narrativ als Dummwort des Politjournalismus inzwischen so epidemisch verbreitet ist, dass es die ersten schon wieder als abgelutscht und durchgekaut ablehnen könnten. Der Wellenkamm ist vielleicht erreicht und dann wird das Narrativ den Weg allen Fleisches gehen und kann seine letzte Ruhe auf dem Friedhof der abgelegten Modewörter finden. Neben dem Paradigma ist noch eine Grabstelle frei.

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2 Comments

  1. stancerbn says:

    Sehr gut! Wobei EIN Friedhof vermutlich nicht ausreichen würde für all die furchtbaren Wörter und Phrasen, die ich gerne begraben wüsste. Zum Beispiel „nachhaltig“ und „Lackmustest“.

  2. Solminore says:

    Man hat schon länger nichts mehr vom Diskurs gehört — ob der schon unter der Erde ist?

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