Nicolai Levin

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Unter Schreibern

“Senden”. Einen Klick später ist das Manuskript weg, auf dem Weg zur Agentur. Jetzt heißt es Bangen und Warten, ob sie dort das Opus als vermarktungswürdig einschätzen. Ich atme tief durch und nehme einen Schluck aus meinem Kaffeebecher.

Vor ungefähr einem Jahr wagte ich mich zum ersten Mal in die ungewissen Gewässer des Fiktionalen. Bis dahin hatte ich schon viel geschrieben: Wissenschaftlich, beruflich, Blogbeiträge, Wikipediazeug, Fachartikel. Nur eben nie etwas Ausgedachtes, Belletristisches.

Es war ein großer Sprung, viel größer als ich je gedacht hätte. Und ich habe viel gelernt dabei.

Erste Erkenntnis: Schreiben ist schwierig.

Mit der Idee einer Geschichte im Kopf und viel Selbstbewusstsein im Kreuz fing ich an. Schreiben konnte ich ja. Ich musste allerdings erkennen, dass das alles nicht so einfach ist, wie ich gedacht hatte. Wenn man keinen Horror vor einer leeren Seite hat, einem die Formulierungen flüssig von der Feder gehen und man es schafft, die Dinge treffend auf den Punkt zu bringen, ist das gut und wichtig, aber eben nur der Anfang!

Wie setzt man Dialoge? Wie ausführlich beschreibt man Orte? Und Menschen? Und das, was sie tun? Spannungsbögen ziehen, Unheil dräuen lassen, Pointen vorbereiten, für eine gute Geschichte muss man all das beherrschen, und noch viel mehr: Wieviel weiß man von seinen Charakteren und wieviel davon verrät man seinen Lesern? All diese rein handwerklichen Fragen stellen einen Neuling (also: mich) vor echte Herausforderungen – und man (also: ich) macht erstmal unendlich viel falsch.

Ich darf gestehen: Für mich war es eine große Überraschung, dass das Handwerkliche beim Schreiben so schwierig ist – einfach, weil ich bis dahin noch nie Zeug gelesen hatte, das handwerklich so richtig schlecht gewesen wäre. Denn alles, was es in die Auslagen und Regale der Buchläden schafft (egal ob die aus Holz sind oder virtuell), ist eben handwerklich solide gemacht, dafür sorgen schon die Verlage und ihre Lektoren. Deshalb habe ich es für selbstverständlich genommen und wurde eines Besseren belehrt.

Auch Ihr Lieblingsschmöker und der hochgelobte Literaturnobelpreiskandidat bestehen zu mindestens 60% aus reinem sauberen schlichten Handwerk. Darauf kommen noch 30% Kunsthandwerk, also die Fähigkeit, diese handwerklichen Komponenten möglichst elegant und virtuos auszuführen. Flott blitzende Dialoge oder raffinierte Plotwendungen. Keine Klischees. Das, was ich Kunsthandwerk nenne, hebt die literarischen Werke über die Dutzendware von Heftromanen und Schmonzetten.

Erst die letzten 10% sind es, die große Kunst und Genie ausmachen, an denen sich am Ende ein Wolfgang Herrndorf von Sebastian Fitzek unterscheidet oder ein Uwe Johnson von Jan Weiler.

Klingt frustrierend, ist aber so: Es bedarf einer Menge Anstrengung und Übung, um überhaupt auf die Grundlagen zu kommen, also auch nur einen solide geschriebenen Groschenroman oder eine sauber durchkomponierte Schmonzette hinzukriegen!

Zweite Erkenntnis: Schreiben lernt man am besten durch Schreiben.

Übung macht den Meister. Ach nee! Es ist aber tatsächlich so, dass man nur dann die Chance hat, besser zu werden, wenn man es immer wieder probiert. Mit jeder Geschichte, die man zu Papier bringt, wächst die Routine. Dinge, die beim ersten Anlauf noch sorgsam bedacht werden mussten, gewinnen an Selbstverständlichkeit. Tricks, die einem einmal über eine Hürde geholfen haben, werden zum festen Bestandteil des Werkzeugkastens.

Heißt aber: Der Anspruch, bereits mit dem Erstling groß rauszukommen, kann schnell begraben werden, denn das erste Werk ist aus der Rückschau immer peinlich und schlimm.

Auch hier unterlag ich in meiner Wahrnehmung einem bitteren Irrtum. Fulminante Debuts, Autorenstars aus dem Nichts, so wie Daniel Kehlmann mit seiner Vermessung der Welt, schienen mir selbstverständlich und würden natürlich auch auf mich zutreffen (schließlich bin ich ja gut). Das Fulminante aber, musste ich lernen, ist natürlich nur das, was ich wahrnehme. Der erste Bestseller, der sich mir aufdrängt. Ob der Autor, der es so plötzlich ins Rampenlicht geschafft hat, vorher schon dreißig Romane in der Schublade hatte oder im Selbstverlag dümpeln lassen musste … wie er sich gemüht und ganz langsam entwickelt hat, all das sehen die Leute, die ihren Blick nur auf die Bestsellerlisten fokussieren, natürlich nicht.

Dritte Erkenntnis: Schreiben ist eine Epidemie.

Als ich mir zum ersten Mal Gedanken über eine weitere Verwertung meines Geschreibsels gemacht habe, bin ich beim Googeln auf Internetforen gestoßen, in denen sich Schreibwütige austauschen. Das Deutsche Schriftstellerforum ist so eine Selbsthilfeplattform für alle angehenden Autoren. Auch bei Montségur findet man einschlägige Unterstützung, muss aber einen gewissen Grad an Erfahrung und Professionalität nachweisen.

Mich hat erstaunt, wie viele Leute ihre Freizeit damit verbringen, Bücher zu schreiben. Gut, mit 14 haben wir uns alle mal daran versucht, unseren tiefempfundenen Weltschmerz in Worte zu gießen. Aber das legt sich doch bei den meisten wieder, spätestens dann, wenn das erste Mädchen ihr Werben erwidert. Wenn ich mir freilich die Aktivität in den Autorenforen anschaue, bin ich von den Socken, wie viele Menschen den Anspruch zur Schriftstellerei halbwegs ernsthaft verfolgen.

Klar, unter den Usern sind auch die Vierzehnjährigen mit ihrem Weltekel, dann natürlich die Horden der Epigonen aus dem Fantasybereich, die ihre Abklatsche von Tolkien, Game of Thrones und Biss zum Morgenrot produzieren, und schließlich die vielen, denen irgendwo unterwegs die Luft ausgeht mit drölf versandeten Romananfängen in der Schublade.

Dennoch: Der Klub ist weit weniger abseitig, als ich vermutet hatte. Mit den Möglichkeiten, elektronische Ausgaben auf eigene Faust zu erstellen und zu vertreiben, öffnen sich Chancen auch für die, denen die etablierten Verlage verschlossen bleiben. Die Welt ist bunt und jede Subkultur hat ihre Nische. Klein- und Kleinstverlage – oft auch im Nebenerwerb betrieben – bringen Titel jenseits des Mainstreams in überschaubaren Auflagen nicht über den Buchhandel, sondern vor allem im Direktvertrieb bei einschlägigen Messen und Conventions an den Fan.

Ich ertappe mich dabei, dass ich in der U-Bahn die Gesichter absuche. Einer außer mir in diesem vollen U-Bahn-Wagen muss eigentlich auch schreiben. Ist es die pummelige Mittfünfzigerin mit dem toupierten Haar oder doch der Tätowierte im schwarzen Ledermantel mit dem Nasenpiercing …?

Vierte Erkenntnis: Schreiben ist ein hartverdientes Brot.

Jedes Jahr kommt eine Unmenge neuer Titel in die Buchläden. Da kommt es doch auf einen (also: meinen) mehr oder weniger nicht an.

Dachte ich. Doch die Verlage drängeln sich hart um die (nachlassende) Gunst der Käufer. Und Agenturen und Autoren prügeln sich um die knappe Aufmerksamkeit und die noch viel knapperen Vermarktungsbudgets der Verlage. In einem der Foren hat mal einer errechnet, dass nur ungefähr jedes tausendste Manuskript, das bei einem Verlag eingereicht wird, tatsächlich gedruckt und vertrieben wird. Auf einen neuen Buchtitel bei Amazon oder im Verzeichnis lieferbarer Bücher kommen 999 fertige Exposés und Manuskripte, die zurückgewiesen wurden, weil man ihnen zu wenig Marktchancen gibt oder sich niemand für sie begeistern konnte!

Entsprechend ungleich verteilen sich die Einkünfte aus dem Schreiben. War mir auch nie so bewusst, aber bei den Schreiberlingen ist es ganz ähnlich wie bei den Schauspielern. Dick Kohle machen nur ganz wenige, von ihren Büchern leben können ein paar, die meisten allerdings mehr schlecht als recht, und die große Masse muss etwas anderes machen, um die Miete und die Kartoffeln bezahlen zu können.

So, nun wissen Sie’s. Warten wir also gemeinsam, ob ich mich bei den 999 einreihen muss. Ich halt Sie auf dem Laufenden.


2 Comments

  1. stancerbn says:

    Davon kommt mir vieles sehr bekannt vor. Dennoch – irgendwann wird mein Bestseller erscheinen!

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