Nicolai Levin

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What a difference a day makes …

Mar 2020 – Corona. Die Kinder sind in der zweiten Woche zu Hause, die Schule hat zu. Auch wir Eltern arbeiten von der heimischen Wohnung aus, so gut es eben geht. Besuche bei Freunden oder auch nur bei den Großeltern sind untersagt. Wir gehen nur noch zum Einkaufen und Frische-Luft-Schnappen aus dem Haus.

Was wir derzeit erleben, ist ein Zivilisationsbruch. Wenn ich (für mich allein und auf einsamen Wegen, versteht sich!) joggen gehe, komme ich an Stromkästen vorbei, an denen noch Werbeplakate für Konzertereignisse im April und Mai angeheftet sind – Konzerte, die längst abgesagt wurden.  Die Kinderspielplätze liegen menschenleer, ein Schildchen an der Rutsche flattert im Wind und besagt, dass der Spielplatz gesperrt sei. Bei uns draußen in der Vorstadt sind die Leute brav, und schon in der letzten Woche sah man kaum noch Menschen zusammenstehen, als anderswo noch wilde Berichte von Coronaparties und trotzigen Zusammenkünften die Runde machten.

Auch im Radio merkt man, wie schnell die jüngsten Ereignisse über uns gekommen sind, viel schneller jedenfalls als die Buchungen der Werbespots bei den Radiosendern. Hartnäckig fordert uns die überdrehte Tussi im Radio auf, zu den 10-Prozent-Tagen ins Möbelhaus zu kommen, das doch auch längst geschlossen wurde.

Auch bei unserem Metzger haben sie die Prozesse angepasst. Man muss dort jetzt vor der Tür warten und wird hineingerufen, wenn ein Metzgereifachverkäufer frei geworden ist. Alle anderthalb Meter steht ein wartender Kunde, die Schlange, die sich so bildet, ist kaum auszumachen, so weit stehen die Leute auseinander. An der Kasse, beim Metzger wie bei allen anderen Geschäften, bitten sie um Kartenzahlung, auch bei geringen Summen.

Hier fällt mir auf, dass Deutschland gerade dabei ist, sich zu verändern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Leute, die sich jetzt ans Kartenzahlen gewöhnen, wieder auf Bares zurückkehren werden, wenn die Krise dereinst vorbei sein wird. Wird die bisherige Barzahlungsinsel Deutschland mit Corona untergehen?

Auch die jetzt brutal erzwungene Digitalisierung im Schulwesen bringt uns hoffentlich nachhaltige Fortschritte. Die Lehrer zumindest gewöhnen sich ans Remote-Unterrichten, ob sie wollen oder nicht. Wenn irgendwann mal nicht nur (so wie jetzt) Arbeitsaufträge und Übungsaufgaben per Mail oder Plattform verteilt werden, sondern auch echtes Unterrichten per Telko / Videokonferenz möglich sein sollte, sind wir einen Riesenschritt weiter!

Das geht nämlich bei uns noch nicht. Dafür überbieten sich die Lehrer darin, bei den Schülern nur ja kein Ferienfeeling aufkommen zu lassen und schütten die Kinder mit Aufträgen zu. Gestern saß unser Achtklässler jedenfalls konzentriert und mit nur minimalen Pausen bis nach fünf an seinen Arbeitsblättern.

Dass die meisten Lehrer dabei die Grundregeln des Dokumentenmanagements nicht kennen und nur die wenigsten von sich aus so clever sind, ihre Dateien zu numerieren, mit Datum und Seitenzahlen zu versehen o.ä., versteht sich. „Deutsch Herr Hasenschart Klasse 8b Arbeitsauftrag“ – in fünffacher Ausführung auf dem Elternportal der Schule herunterzuladen: Was ist neu, was kalter Kaffee von der Vorwoche? Mir doch egal, schaut selbst, wo ihr bleibt! Ach, es wird noch ein weiter und steiniger Weg …

Dass trotz Lockdown in Bayern wie in Frankreich Kommunalwahlen abgehalten wurden, haben einige Leute kritisiert. Ich fand das goldrichtig. Auch wenn Krise ist, auch wenn es für viele Infizierte um Leben oder Tod geht: Die demokratische Verfasstheit unseres Gemeinwesens darf das nicht in Frage stellen. Im Gegenteil: Gerade jetzt, wo die Regierungen auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene mit ihren Notverordnungen tief in unsere Grundrechte eingreifen, ist es umso wichtiger, dass diejenigen, die das zu verantworten haben, ein volles und uneingeschränkt demokratisches Mandat haben! Wahlen wären so ziemlich das Letzte, das wir verschieben oder gar aufgeben sollten!

Für die Stichwahlen, die in Bayern bei Bürgermeister und Landratswahlen an vielen Orten notwendig geworden sind, wird es obligatorische Briefwahl geben. Auch das erscheint mir richtig. Ich halte es sogar für eine überdenkenswerte Idee, das für kommende Wahlen genauso zu handhaben: Jeder Wähler erhält Briefwahlunterlagen per Post – und wer will, schmeißt sie nicht in den Briefkasten, sondern gibt sie am Wahlsonntag in seinem Wahllokal ab. Vielleicht würden so einige Faule und Schusselige extra zur Beteiligung an der Wahl motiviert werden.

Abends sehen wir (wie alle anderen wohl auch) derzeit ziemlich oft fern. Immer wenn Menschen in Filmen oder Serien nah aufeinandertreffen, schreit einer aus der Familie, dass das doch nicht ginge. Es ist – noch – ein blöder Witz, aber ich bin überzeugt, Corona wird die Welt in ein Vorher und ein Nachher teilen. So wie man heute bei Aufnahmen von New York in alten Filmen schaut, ob das World Trade Center noch steht und sich wundert, wie locker die Leute damals vor 9/11 in Flugzeuge gekommen sind. Die Darstellung des Alltags wird nach Corona eine andere sein – ich hoffe nur, es bleibt nicht allzu viel an Einschränkungen übrig, außer der Erinnerung an eine verrückte Zeit, wo alle zu Hause bleiben mussten und sogar die Olympischen Spiele um ein Jahr verschoben wurden.

Zu dem, was uns heute als verrückte Idee erscheint, zählen auch manche Diskussionen, die wir in der Vergangenheit geführt haben. Erinnern Sie sich noch, dass vor ziemlich genau einem Jahr die Forderung durchs Land geisterte, die Zahl der Krankenhäuser in Deutschland zu halbieren? (Hier schrieb ich übrigens schon letzte Jahr dagegen an.) Wer nach Corona wieder nach mehr Marktwirtschaft im Gesundheitswesen schreit, wird auf Gegenwind stoßen – dass eine Gemeinschaft eine solide Ausstattung an Intensivbetten und Notfallmedizin braucht – und zwar deutlich über den alltäglichen Ansturm einer im Ganzen gesunden Bevölkerung hinaus – dürfte Mehrheitsmeinung geworden sein, und wer von Krankenhäusern mit 90%-iger Auslastung träumt, wird mutmaßlich auf Granit beißen. Dass die Frage, wer das alles finanzieren soll, uns jetzt in der Not egal ist, aber irgendwann auf die Agenda kommen wird, steht auf einem anderen Blatt.

Die Regierung macht in dieser Krise einen guten Job, finde ich. Auch dass wir in unserem föderalen System bleiben, und von Land zu Land manche Dinge unterschiedlich geregelt sind, finde ich okay. Vor Ort stellen sich manche Dinge anders dar, und die Lage in Bayern mag anders sein als in Mecklenburg. Eine bundes- oder gar europaweite Krisensteuerung hielte ich nicht für gut. Dass die Ausgangsregelungen in Berlin etwas anders ausgelegt werden als in Bayern, stört mich nicht, zumal derzeit niemand vom einen System ins andere wechseln kann. Im Großen und Ganzen haben sich die Länder auf eine Linie geeinigt – und dass sie um die Entscheidungen gerungen haben und das Ganze nicht ohne Streit abgegangen ist, beweist mir nur, dass sie ihr Anliegen ernst nehmen und nicht auf die leichte Schulter heben. Jedenfalls bin ich heilfroh, in diesen Tagen von ernsthaften und verantwortungsbewussten Menschen wie Angela Merkel, Winfried Kretschmann, Armin Laschet oder auch Markus Söder regiert zu werden – die Vorstellung derzeit im Vereinigten Königreich oder den Vereinigten Staaten zu leben, ist schlimm!

Wirtschaftspolitisch steht allerorten der Abgrund offen – und zwar weit schlimmer, als ich es mir noch vor zwei Wochen ausmalen konnte. Insofern sehe ich auch mein FDP-Bashing von vor zwei Wochen heute unter einem etwas anderen Licht. Dass wirklich alles auf unbestimmte Zeit zum Stillstand kommt, die Bundeliga, der Flugverkehr und auch die Bänder bei VW und Mercedes, dass im Grunde jeder Gastronomie- und Hotelleriebetrieb vor der Pleite steht, das ist schon unerhört. Die Regierung ist bereit, Unterstützungsgelder in die Wirtschaft zu pumpen, aber die Taschen der öffentlichen Hand sind auch nicht endlos tief. Wenn der Stillstand sich über Wochen und Monate hinzieht, wird sich die Frage stellen, ob man weiter Geld drucken will und eine Inflation heraufbeschwören oder ob man zugunsten der fiskalischen Stabilität die Leute im Regen stehen lässt – und damit verhindern, dass der Motor wieder glatt anspringt, wenn die Normalität zurückkehrt. Mit jedem Tag, den die Unternehmen (jeder Größe: von BMW bis zum Griechen um die Ecke) kein Geld verdienen, wird es schwieriger!

Alles wird darauf ankommen, wie lange wir alle zu Hause bleiben müssen. Irgendwann geht uns ökonomisch allen die Puste aus – und dann wird es schmerzhaft. Wir können nur hoffen, dass die Epidemie schnell genug hinter uns liegt, bevor es so richtig branchenübergreifend scheppert und alles aus den Gleisen fliegt. Die jüngsten Zahlen aus China und Korea sehen erfreulich aus, aber dann bleibt immer noch als Memento die Erkenntnis aus der Spanischen Grippe von 1918/1919, bei der es auch die zweite Welle war, die die meisten Opfer forderte. Ich las schon von Stimmen, die uns auf eine Seuche einstellen, die uns bis weit ins nächste Jahr in den Klauen hält.

Aber irgendwann, irgendwann werden wir alle immun sein oder das Virus keine Bedrohung mehr. Und eines steht fest: Die Welt wird dann eine andere sein als zuvor.

 

 


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