Nicolai Levin

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Ganz oben auf dem hohen Ross

Okt 2021 – Elke Heidenreich hat was Dummes gesagt. Sowas kommt vor, zumal im Fernsehen, selbst bei gescheiten Menschen. Verblüfft hat mich, wie rigoros die Netzgemeinde in der Folge zur Exekution der Sünderin geschritten ist.

Überhaupt scheint mir in letzter Zeit im digitalen Diskurs (und seinen analogen Ufern) ein moralischer Rigorismus aufzuziehen, der mir gar nicht gefällt. Wer weltanschaulich nicht hundertprozentig auf Linie ist, wird rücksichtslos fertig gemacht, scheint mir.

Nun stimme ich, wenn es um Literatur gehen soll, der These zu, man könne das Werk nicht von seiner Autor_in trennen (eine These, die hier bestritten und hier verteidigt wird). Ich halte es da mit Paul Watzlawick, der mal sagte, man könne nicht nicht kommunizieren. Aber das heißt ja nicht, dass man umgekehrt von einem beliebigen Werk aus die gesamte Ideenwelt und das Wertesystem einer Autor_in entschlüsseln und bewerten kann und soll.

Wenn ich ein Buch kaufe, lese oder gar lobe, erhebt mich das nach meinem Verständnis nicht zum moralischen Richter über dessen Verfasser_in. Ich kann und will nicht abschließende und revisionssichere Moralurteile fällen, nur weil ich einen Roman mit Freude gelesen habe.

Nehmen wir Joanne Rowling. Die mag im Kampf für den Feminismus nicht Seit an Seit mit Transfrauen marschieren – die Details durchsteige ich nicht und nachvollziehen kann ich Frau Rowlings Haltung auch nicht und teilen tu ich sie erst recht nicht. Aber ich mag es nicht, dass ich im Park sitze und einen Harry-Potter-Band lese und mich dann jemand fragt, ob mir denn klar sei, dass ich da schon ein sehr fragwürdiges Buch von einer äußerst problematischen Autorin in Händen halte.

Nein, verdammt! Ich habe keine Probleme mit Frau Rowling und erst recht nicht mit Harry Potter. Den empfehle ich nach wie vor, einmal weil man sich blendend damit unterhält und auch – gerade für Kinder – weil hier die Gefahr einer schleichenden Übernahme faschistischer Ideen und die groteske Denkhaltung von expliziten Rassist_innen sehr anschaulich und für Kinder nachvollziehbar dargelegt werden.

Ich werde die Unendliche Geschichte in Ehren halten, auch wenn ihr mir sagt, dass Michael Ende in den Siebzigern in Garmisch regelmäßig die Feuerwehreinfahrt zugeparkt hat.

Die „Deutschstunde“ bleibt ein großer Roman, auch wenn Siegfried Lenz auf der Eutiner Kirmes von 1963 der Kellnerin deutlich zu tief in den Ausschnitt geguckt haben mag. (Bevor jetzt die Lenzschen Erben ihre Medienanwälte von der Leine lassen: Nein, dieses Beispiel habe ich frei erfunden, mir sind in Wahrheit keinerlei Übergriffe seitens Herrn Lenz bekannt geworden!)

Wir alle tragen einen Packen mit Vorurteilen mit uns herum, wir alle laufen Gefahr, dass unser innerer Neandertaler (das gender ich mal lieber nicht) uns immer mal wieder in rassistische, fremdenfeindliche, Wir-gegen-die-Muster fallen lässt. Übrigens ganz unabhängig davon, wie wir aussehen, als was wir uns empfinden oder auf wen wir stehen – auch schwule Transmenschen mit dunkler Hautfarbe sind vor derartigen Kurzschlüssen keineswegs gefeit.

Ja, es ist sinnvoll und richtig, mit wachem Auge die medialen Debattenbeiträge zu verfolgen und dazu beizutragen, dass derartige Denkweisen und die von ihnen aufgerufene Sprache nicht mehr gedankenlos akzeptierte Haltung einer denkfaulen Mehrheit bleiben, sondern sich in die Nischen der Unverbesserlichen und Nichtveränderbaren zurückziehen.

Dazu muss man sich aber nicht aufs hohe Ross setzen und jede_n in Bausch und Bogen verdammen, der eine Meinung vertritt, die nicht auf ganzer Linie die eigene ist – oder die mal einen gutgemeinten, aber unbedachten Spruch raushaut, so wie Frau Heidenreich.


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