Nicolai Levin

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Helft den Armen! Weg mit der Mietpreisbremse!

Mit dem Ende der Großen Koalition wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch die “Mietpreisbremse” ein Ende finden. Gut so! Denn die mehr oder weniger unverbindliche Empfehlung an die Vermieter, doch die Mieten bitte nicht zu sehr ansteigen zu lassen, hat praktisch nichts gebracht. Indes wäre auch eine striktere Umsetzung wenig hilfreich für den Wohnungsmarkt. Und: Es gibt bessere Möglichkeiten, armen Menschen bezahlbaren Wohnraum zu geben.

Wir haben in einigen Gegenden Deutschlands eine prekäre Situation: Normalverdiener können sich keine Wohnung mehr leisten. Man muss kein wichtigtuerischer Schreihals sein, um die Dringlichkeit dieses Problems zuzugeben, und kein Sozialist, um es schlimm zu finden. In gefragten Ballungsräumen wie Düsseldorf, Frankfurt, Stuttgart oder München sind in den letzten Jahren die Immobilienpreise und die Mieten derart durch die Decke gegangen, dass es für Leute mit geringerem Einkommen quasi unmöglich ist, eine bezahlbare Wohnung zu finden.

Busfahrer, Krankenschwestern, Friseure, Fleischwarenfachverkäufer und Kellnerinnen pendeln von weit her, um in den Zentren zu arbeiten. Sie wohnen weit draußen in den Dörfern und Kreisstädten vor den Toren der Metropolen. Dort ist es noch bezahlbar. Aber die Korridore entlang der S-Bahn-Strecken, in denen die Mietpreise nicht mehr viel niedriger sind, als in der Stadt, werden von Jahr zu Jahr länger. Das immer weitere Pendeln kostet Zeit und Geld, es belastet die Umwelt und die Familien der Pendler. Für die betroffenen Städte wirkt es sich auch negativ aus, die werden zunehmend zum getrifizierten Reichenghetto. Auch nicht eben eine gesunde Entwicklung.

Das Bittere für die Betroffenen ist, dass man das Gut “Wohnen” nicht beliebig reduzieren oder ersetzen kann. Wenn sonst die Marktpreise unerschwinglich werden, können wir ausweichen: Essen wir halt Hühnchen, wenn der Preis für Rind anzieht oder fahren wir Bahn, wenn die Flugpreise steigen. Für das Dach überm Kopf gibt es leider keinen Ersatz – außer ganz wo anders hin zu ziehen. In die Uckermark oder ins Wendland. Nur gibt es dort eben weder Perspektive noch Arbeit.

Woher kommt überhaupt diese dramatische Steigerung, wo doch allerorten wie blöd gebaut wird?

Zu einem Teil haben wir sie uns selbst zuzuschreiben, denn unsere Ansprüche an Wohnraum sind in den letzten beiden Generationen schon deutlich mehr geworden. Wohnraum war in den Städten in Deutschland immer schon knapp. Im Zweiten Weltkrieg ist ein erheblicher Teil der großstädtischen Wohnfläche alliierten Fliegerbomben zum Opfer gefallen. Nach heutigen Maßstäben waren die Leute nach dem Krieg geradezu unvorstellbar zusammengepfercht, man hauste zu siebt oder acht in Zweizimmerwohnungen mit Klo auf dem Hausgang, einige teilten sich sogar Betten im Schichtbetrieb. Der Bauboom der fünfziger und sechziger Jahre entspannte die Lage etwas, aber bis in die 70-er Jahre war es auch völlig selbstverständlich, dass etwa ledige Menschen irgendwo in einem Zimmer zur Untermiete wohnten. (Mir fallen als Beispiel Helmut Dietls Münchner Geschichten ein, da wohnt bei Oma Häusler ein kluger alter Musiker als “Zimmerherr”. Die Serie wurde 1974 gedreht.)

Heute haben wir den Anspruch, Küche, Klo und Bad nicht mit Fremden teilen zu wollen. Und natürlich muss jedes Kind ein eigenes Kinderzimmer haben. Entsprechend ist die Wohnfläche pro Kopf in den letzten fünfzig Jahren steil angestiegen und ein guter Teil der beachtlichen Neubautätigkeit ist allein erforderlich, um diesen Ansprüchen gerecht zu werden.

Die Entwicklung der Ansprüche trifft Stadt und Land gleichermaßen. Die Mieten sind aber nur in ausgesuchten Ballungsräumen explodiert. In Dessau und Kassel lässt sichs noch bezahlbar wohnen, während in den Boomstädten jedes Jahr neue Horrorzahlen rauskommen.

Hauptgrund ist, dass die Kaufpreise für Immobilien heftig in die Höhe gegangen sind. Grund und Boden gilt als sichere Anlageform, auf dem Geldmarkt-Konto gibt es dagegen schon lange keine Zinsen mehr, also investieren eine Menge wohlhabender Leute und institutioneller Investoren in Wohnraum. Wenn man mehr fürs Kaufen zahlt, steigen logischerweise auch die Preise fürs Mieten.

Was würde nun eine Mietpreisbremse bewirken, wenn sie denn konsequent umgesetzt würde?

Preisbremse, das heißt: In einem Markt, in dem mehr Nachfrage als Angebot herrscht, würden die Preise oben gedeckelt. Ökonomen erwarten in solchen Situationen einen Schwarzmarkt.

Ein paar der Anbieter würden aus dem Markt rausgehen. Wenn die Mieten gedeckelt sind, rentiert es sich nicht mehr, Mietwohnungen anzubieten. Also würden die Eigentümer ihre vermieteten Wohnungen in Verkaufsobjekte umwandeln oder (private Anbieter wird das betreffen) sie selbst nutzen – etwa für Angehörige. Das hilft den Wohnungssuchenden mit niedrigem Einkommen nichts – im Gegenteil, es verschärft die Lage, weil die Zahle der verfügbaren Mietobjekte abnimmt.

Ein paar werden versuchen, die Bremse zu umgehen. Etwa, indem sie zusätzliche Zahlungen unter der Hand fordern (“Die Miete ist offiziell bei 800 EUR gedeckelt; wenn sie mir 300 EUR zusätzlich schwarz zahlen, können Sie die Wohnung haben.”) oder künstliche Preiskomponenten einführen: Ablösesummen oder Verwaltungsgebühren etwa. Dann wäre das, was der Mieter am Ende zu zahlen hat, so hoch wie die “echte” Miete in einem ungedeckelten Markt. Der Mieter zahlt also so viel wie vorher, nur einen Teil eben inoffiziell oder unter anderem Namen.

Ein weiterer Effekt wird sein, dass bei zu viel Nachfrage und festem Preis andere Auswahlkriterien wichtiger werden. Mit anderen Worten: Es droht die Diskriminierung von Benachteiligten. Wenn die Vermieter schon (aus ihrer Sicht) unbefriedigende Mieteinnahmen bekommen und nicht über die Preise steuern können, nehmen sie zumindest aus der großen Auswahl von Kandidaten den angenehmsten. Wer dem Vermieter Gefälligkeiten bieten kann, hat es da gut. Kinderlose Beamtenehepaare mit nachgewiesenem Desinteresse an Musik werden hoch im Kurs stehen beim Kampf um die wenigen Wohnungen, und man kann fest davon ausgehen, dass die Kleinschmidts schneller eine Bleibe finden werden als die Öztürks.

Kurz: Die künstliche Deckelung der Preise erzeugt nur Nebeneffekte, die keiner wollen kann.

Wenn es aber die Mietpreisbremse nicht ist, was würde denn helfen?

Die Stadt München ist einigermaßen stolz auf ihr “Münchener Modell”. Baugenehmigungen in großem Stil für neue Wohnviertel (etwa im Bereich des ehemaligen Flughafens oder entlang aufgelassener Eisenbahnflächen) gab bzw. gibt es für die Immobilienentwickler nur, wenn neben all den lukrativen Eigentumswohnungen ein bestimmter Anteil der Einheiten gezielt für arme Kandidaten vorgesehen ist. Das funktioniert offenbar ganz gut, es verhindert (oder verzögert zumindest) die totale Gentrifizierung, und schafft bezahlbaren Wohnraum. Rein mengenmäßig reicht dieses Angebot aber nicht aus, um den Gesamtmarkt spürbar zu entlasten. Auf jeden Polizisten, der eine Wohnung nach dem Modell erhält, kommen zwei neuzugezogene Medien- oder Werbefuzzis mit sechsstelligen Jahresgehältern in die Stadt, die die Preise gleich wieder versauen.

In Wien zeigt sich die Lage deutlich entspannter. Im Vergleich etwa zu München ist Wohnen in Wien erschwinglich. Das liegt vor allem an den “Gemeindebauten”. Die Stadt Wien hat seit dem Ende des Ersten Weltkrieges eine Vielzahl von Mietwohnungen errichtet, die sie bis heute hält und verwaltet und zu moderaten Konditionen zuweist. 220.000 solche Einheiten gibt es in Wien, jeder vierte Wiener wohnt in einer städtischen Wohnung. Ein Jahrhundert konstanter sozialdemokratischer Wohnbaupolitik machte das möglich. Einige der Gemeindebauten sind in beklagenswertem Zustand, was Schall- und Wärmedämmung, Heizung und Sanitäranlagen angeht, aber der Gemeindebau ist eine Ausweichmöglichkeit, die gerade den Armen zugute kommt und den Wiener Wohnungsmarkt (jenseits von Luxus- und Nischenangeboten – da spinnt Wien genauso wie Düsseldorf oder Frankfurt) im Zaum hält.

Zur Nachahmung andernorts braucht man als Ausgangssituation eine Menge spottbilliger Grundstücke, welche die Kommune erwerben kann, den Willen, eine saftige Grundsteuer für privatwirtschaftliche Immobilieneigentümer durchzusetzen (mit der haben die Wiener das Bauprogramm finanziert), das Durchhaltevermögen, das ganze Konzept gegen alle Widerstände zu verteidigen – und ungefähr fünfzig bis hundert Jahre Zeit.

Für die überhitzten deutschen Ballungszentren bieten weder das Münchener noch das Wiender Modell ein Patentrezept. Ausgleich kann es eigentlich nur geben, wenn mehr Menschen als bisher als Eigentümer aus dem Mietmarkt ausscheiden. Die FDP hat das im Bundestagswahlkampf 2017 propagiert und ist als zynisch beschimpft worden, weil es lachhaft sei, einer Verkäuferin zu sagen, sie solle doch statt 400 EUR Miete zu zahlen, lieber ein Apartment kaufen.

Die Kritiker haben recht: Es ist lachhaft. Aber muss das so sein? Ich glaube, den Hebel kann man politisch nur da ansetzen, dieses Ansinnen nicht mehr lachhaft zu machen. Wenn der Staat den Armen beim Kaufen hilft, ihnen Mittel und Sicherheiten gibt, dann könnte es funktionieren.

Eigenkapital. Die erste große Hürde, die Arme davon abhält, eine Wohnung zu kaufen. Normalerweise hat der Käufer in Deutschland ein Fünftel oder ein Viertel der Kaufsumme als Eigenmittel, den Rest leiht ihm dann die Bank. Friseure und Busfahrer aber verfügen im seltensten Fall über Ersparnisse in dieser Höhe – und deshalb leiht ihnen keine Bank den Rest. Wenn der Staat nun die Eigenmittel zuschießen würde, etwa als hinterlegtes Pfand oder als Garantie für die Bank, wäre vielen schon erheblich geholfen, den fehlenden Betrag zu finanzieren.

Nebenkosten des Erwerbs. Das nächste Totschlagargument gegen den Kauf. Wer in Deutschland Grund und Boden erwirbt, muss das im Grundbuchamt eintragen lassen, er muss zum Notar und Grunderwerbsteuer muss er obendrein noch zahlen. Die muss übrigens auf alle Fälle weg – oder sollte statt wie heute dem Käufer doch lieber dem (potenziell spekulierenden) Verkäufer aufgebürdet werden. Wenn für arme Käufer der Staat bei den Nebenkosten zuschießen würde (also auf Eintragungsgebühr verzichtet, die Notariatskosten deckelt und/oder übernimmt), würden sich Käufer schon locker einen fünfstelligen Betrag ersparen.

Zinsrisiko. Jemand mit geringem Einkommen hat nicht nur wenig Geld, er hat auch keinen finanziellen Gestaltungsspielraum. Er muss seine Ausgaben auf den Punkt genau ausrechnen und hintrimmen – speziell bei so einem dicken Brocken wie Wohnen. Bei einem Nettoeinkommen diesseits von tausend oder fünfzehnhundert Euro sind dann eben nur maximal punktgenau x Euro drin, die man für eine Wohnung aufwenden kann, weil man schließlich auch noch essen muss und alle zwei Jahre neue Schuhe braucht. Immobilienkäufer gehen ein Risiko ein: Sie verschulden sich in Höhe vieler Jahresgehälter und tilgen diese Schuld über mehrere Jahrzehnte. Niemand kann sagen, wie hoch die Zinsbelastung in zwanzig oder mehr Jahren sein wird, auch die Banken geben über so lange Zeiträume keine Festzinsen. Dieses Risiko kann jemand mit üppigem Finanzpolster locker tragen, aber eben niemand, der mit jedem Euro rechnen muss. Wenn der Staat dem armen Käufer garantieren könnte, dass die Zinsbelastung so bleibt, wie sie heute errechnet wurde, könnten es mehr Leute wagen, einen Immobilienkauf zu riskieren. Je niedriger dieser garantierte Zinssatz läge, desto größer die Entlastung der Käufer.

Das größte Hindernis für all diese Erleichterungen: Sie sind sackteuer. Müssen sie ja auch sein, wenn sie wirken sollen. Bei einem bundesweit durchschnittlichen Objektpreis von 150.000 bis 200.000 Euro dürften schnell 50.000 Euro pro Förderung zusammenkommen. Wenn nur 10.000 Leute das in Anspruch nähmen, kostete uns alle das eine halbe Milliarde an Steuergeldern. Dazu kommt der Verwaltungsaufwand zum Verteilen der Wohltaten und zum Verhindern von Missbrauch.

Das ginge nach meinen Erwartungen übrigens recht einfach. Einkommensnachweis bei Antrag, Verkaufsverbote für das geförderte Objekt, das maximal (mit entsprechendem Abschlag) an den Staat abgetreten werden darf. So ließe sich verhindern, dass jemand die staatlichen Gelder einfach so einsacken kann. Aber diese “zurückgegebenen” Objekte müssen dann auch verwaltet und veräußert werden.

Mit dieser Missbrauchssperre verbunden ist freilich ein zweiter Nachteil: Wer sich auf ein Kaufobjekt eingelassen hat, das er behalten muss, der ist ortsgebunden. Das widerspricht den Anforderungen an Mobilität im Arbeitsmarkt. Man kann nicht gleichzeitig von jemandem fordern, immer dahin zu ziehen, wo es Jobangebote gibt (etwa im Rahmen der Sozialgesetzgebung und der Arbeitslosenunterstützung) und ihn gleichzeitig mittels der Wohneigentumsförderung festketten.

Also bleibt es schwierig. Aber der Weg über den Eigentumsmarkt, entweder durch Teilnahme des Staates als Anbieter und Steuerer (wie in Wien und München) oder durch massive Förderung des Eigentumserwerbs auch für Arme ist allemal besser und wirksamer als eine Mietpreisbremse, die schön klingt, aber nichts bringt.

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Kunden an Ketten

Die Deutsche Bahn wirbt zurzeit recht heftig für eine Bahn-Card, die (Tusch!) “monatlich kündbar” sein soll. Dieses Angebot aber gibt es “nur noch für kurze Zeit”. Und ich denke mir: Was für eine Frechheit, warum kann die depperte Bahn-Card eigentlich nicht immer von Monat zu Monat kündbar sein?

Ungünstige Kündigungsbedingungen sind in Deutschland ein alltägliches Ärgernis. Das Festketten von Kunden gegen deren Willen zählt zu den Dingen, die ich weder als Ökonom noch als Verbraucher verstehen kann und will. Wenn ich als selbstbewusster und seriöser Anbieter an zufriedenen Kunden interessiert bin, die mich möglichst noch weiterempfehlen, werde ich doch nicht jemanden gegen seinen erklärten Willen zum Kundesein zwingen. Da ist doch vorhersehbar, dass der Kunde wider Willen nur noch unzufriedener wird und Negatives über mich verbreitet.

Zugegeben, es gibt Vertragsbeziehungen, da ist es sinnvoll, sich langfristig zu binden und den Wechsel zu erschweren. Wenn ein Normalsterblicher sein Häusle baut und dafür einen Kredit aufnimmt, läuft der über zehn oder zwanzig Jahre. Es geht um hohe Summen und Risiken, und ehe man nicht einen neuen Gläubiger bieten kann, ist man an den ursprünglichen Finanzierer gebunden. Geht nicht anders.

Auch (private) Krankenversicherungen machen einem das Wechseln schwer. Auch das hat seinen Sinn: Das Prüfen der Gesundheitsunterlagen ist umständlich und teuer, zudem kalkulieren die Krankenversicherer ihre Beiträge so, dass sie den Alterungseffekt ihrer Versicherten (die als Greise teurere medizinische Leistungen abfragen denn als Jungspunde) über die Laufzeit verteilen, daher wird es von Lebensjahr zu Lebensjahr teurer zu wechseln.

Bei Arbeitsverträgen ist es so, dass aus Arbeitgebersicht normalerweise Ersatz her muss, wenn ein Mitarbeiter kündigt. Daher sind die Kündigungsfristen idealerweise so geregelt, dass der Arbeitgeber eine Chance hat, sich um einen Nachfolger zu kümmern, ehe der Kündigende weg ist.

Eine Besonderheit sind (Arbeits-) Verträge, bei denen eine Seite in Vorleistung geht. Wenn man zum Beispiel die Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr einschlägt, lässt einen die Bundeswehr kostenfrei und zu sehr guten Studienbedingungen an einer der Bundeswehrunis studieren. Wer bei der Lufthansa Pilot werden will, erhält ein Ausbildungsprogramm, das ihn befähigt, Flugzeuge zu steuern. Beide Arbeitgeber wollen verhindern, dass jemand die teure Ausbildung für lau mitnimmt und sich dann sofort mit dem Diplom in der Tasche wieder verabschiedet. Daher gibt es in beiden Fällen Klauseln in den Arbeitsverträgen, nach denen die teure Ausbildung im Nachhinein bezahlt werden muss, wenn jemand vor einer vereinbarten Mindestlaufzeit kündigen will.

Ökonomisch ähnlich von der Funktionsweise, aber fragwürdiger (aus Kundensicht) werden dann schon die Kombiangebote, bei denen der Kunde ein vermeintliches Zuckerl zu Vertragsbeginn abbezahlt. So ein Beispiel sind die Mobilfunkverträge aus der Anfangszeit der Handys: Die Betreiber waren scharf auf Neukunden und lockten mit den neuesten Modellen gratis oder zu einem Spottbetrag, wenn man einen entsprechenden Vertrag abschloss. Nach 12 oder 24 Monaten gabs dann die nächste Gerätegeneration dafür, dass man den Vertrag verlängerte. Das funktionierte natürlich nur dadurch, dass die Telefonie- oder Serviceentgelte auch die Kosten für das Gerät mit finanzierten. Je transparenter die Konditionen wurden und je weiter sich der Markt sättigte, desto weniger funktionierte das Locken mit Geräten. Es gab aber genug Leute, die noch monate- und jahrelang Grundgebühren für Verträge zahlten, die sie längst nicht mehr nutzten, einfach um das vermeintlich geschenkte Handy von vor drei Jahren faktisch abzustottern.

Dann gibt es noch die Bindungsklauseln, die keinen nachvollziehbaren Sinn haben und die nur dafür sorgen sollen, dass der Anbieter möglichst lange vom lukrativen Vertrag profitieren kann. Bleiben wir bei der Telefonie und denken wir zurück an die Klingelton-Abos, die zur Jahrtausendwende berüchtigt waren: Einmal irgendwo leichtsinnig online zugestimmt, erhielten die Abo-Opfer über elend lange Laufzeiten jede Woche neue Klingeltöne fürs Handy, die sie eigentlich gar nicht mehr brauchten. Das hatte mehr mit Wegelagerei und Straßenraub zu tun als mit seriösem partnerschaftlichen Geschäftsgebaren.

Auch die Versicherungen banden ihre Kunden sträflich fest. Automatische Mindestlaufzeiten von zehn und mehr Jahren bei Sachversicherungen, wie sie bis in die achtziger Jahre gang und gäbe waren, erklärten die Bundesrichter irgendwann für sittenwidrig.

Heute sind es vor allem Medienanbieter und eben die Deutsche Bahn, die ohne Rücksicht auf Kundenzufriedenheit Verkaufszahlen pushen wollen. Da stehen die Zeitungsvertreter an ihren Ständen vor der Uni und an den Bahnhöfen und rufen: “FAZ gratis!” (oder Zeit oder Süddeutsche oder wasweißich) Ohne dafür zu zahlen solle man sich von den Vorteilen des Qualitätsjournalismus überzeugen. Augen auf, heißt es da für den umworbenen Leser! Zum einen greifen die Verlage auf diesem Weg kostbare Adressdaten ab, die sie an Adresshändler weiterverkaufen – und wuppdich findet der Neu-Abonnent nicht nur die Zeitung im Briefkasten, sondern auch reichlich Werbepost von Edelversendern, Weinhäusern und was sonst so demografisch ins Profil eines FAZ / Zeit / Süddeutsche-Leser passt. Manchmal wandelt sich das Probeabo aber auch in ein reguläres Jahresabo (kündbar nach frühestens 12 Monaten) um, wenn man nicht ausdrücklich widerspricht. Dieses ärgerliche Vorgehen ist zugegeben in den letzten Jahren seltener geworden – vermutlich haben zu viele geprellte Zwangsabonnenten protestiert.

Genau so eine schleichende Umwandlung von Schnupperangeboten betreibt die Bahn mit ihren vielbeworbenen Sonder-Bahn-Cards. Das ist nochmal ärgerlicher als bei den Zeitungen, weil die Bahn-Card nur dann einen Sinn für den Kunden hat, wenn er auch mit der Bahn fährt. Wer also aufgrund seiner Lebensumstände keine größeren Bahnfahrten vorhat, für den sind die hundert oder zweihundert Euro für eine Bahn-Card schlicht rausgeschmissenes Geld ohne Gegenwert. Daher ist auch die lange Bindung der Bahn-Card für Kunden ein Ärgernis – wer kann heute schon sicher sagen, ob er in sechs bis zwölf Monaten viel Bahn fahren wird?

Interessanterweise sind solche Geschäftspraktiken andernorts nicht möglich oder üblich. In den USA scheint der Verbraucherschutz jedenfalls weiter gefasst zu sein. Der Online-Streamingdienst Netflix wirbt damit, man könne jederzeit zum nächsten Monat kündigen (und hat es mir damit leicht gemacht, mich anzumelden, wusste ich doch, dass mein Risiko beschränkt sein würde). Sonst kenne ich amerikanische Serviceanbieter nur von berufsständischen “Associations” – da ist man immer nur so lang Mitglied wie man bezahlt hat und wird frühzeitig freundlichst erinnert, doch bitte an die Verlängerung der Mitgliedschaft zu denken.

Gleiches gilt für die “National Geographic Society”, bei der ich “valued member since 19xx” bin und die mich ebenfalls mit schmeichelnden Briefen umwirbt, doch weiter bei der Stange zu bleiben (aus meiner Sicht ist die Mitgliedschadt dort auch nichts anderes als das Abo des Magazins). Auch wenn ich weiß, dass die Kosten für Bettelbriefe und Kundenbindungsleute letztlich meinen Beitrag erhöhen, finde ich das sympathischer und kundenorientierter als die stillschweigende Verlängerung deutscher Abos, bei denen ich nur Jahr für Jahr eine Rechnung bekomme.

Airbusfahrer

22 Prozent mehr Gehalt wollen die Piloten der Lufthansa, und dafür streiken sie. Die Passagiere ärgern sich, die Maschinen bleiben am Boden. Viele Beobachter schütteln die Köpfe, angesichts des Lohnniveaus, das Lufthansapiloten schon jetzt genießen.

Nun ist es natürlich jedermanns gutes Recht, mehr Geld zu fordern. Schließlich würden die meisten von uns nicht nein sagen, wenn es mehr Gehalt gäbe. Auf lange Sicht haben die Piloten aber schlechte Karten, behaupte ich.

Zugegeben: Kurzfristig haben die Piloten ihren Arbeitgeber im Würgegriff. Die Lufthansa erleidet mit jedem Streiktag Millionenschäden, die Kunden sind sauer, die schwer angeschlagene Konkurrenz darf sich freuen. Piloten lassen sich auch nicht von jetzt auf gleich ersetzen. Wenn die Kindergärtner streiken, können die geplagten Eltern einen Reihum-Notdienst in Selbstbetreuung aufziehen, beim Flugzeugfliegen wird das schwierig.

Aber mal grundsätzlich gefragt: Warum verdienen Piloten überhaupt so ein Schweinegeld?

Da ist einmal die lange Ausbildung, sagen die Piloten. Aber auch Förster und Erzieher durchlaufen lange Jahre an Unis und Schulen, bis sie ihr Berufsziel bei weit geringerer Entlohnung erreichen.

Im Grunde werden die Piloten exzellent und lang ausgebildet, um dann ein komplexes elektronisch gesteuertes Flugzeug zu steuern, das sich weitgehend automatisiert und maschinell bewegt. Das meiste regelt inzwischen der Computer, nur wenn der ausfallen sollte (oder kritische Entscheidungen zu treffen sind), ist die hohe Pilotenkunst noch gefragt. Die Notlandung auf dem Hudson River in New York 2009 war so ein Beispiel. Im Alltag erledigen Autopilot und Landeautomatik den Großteil der Arbeit im Cockpit.

Der bewusst herbeigeführte Absturz der Germanwings-Maschine in Südfrankreich 2015 zeigte, welchen Aufwand ein Pilot heutzutage unternehmen muss, um all die automatischen Helfer zu überwinden und das Flugzeug doch noch manuell in den Abgrund zu reißen. Fast ist es wie im ICE, nur dass die Kollegen der Bahn einen Bruchteil dessen bekommen, was die Lufthansa ihren Flugzeugführern bezahlt.

Piloten tragen Verantwortung für Menschenleben, lautet ein weiteres Argument für hohe Gehälter in der Luftfahrt. Das ist richtig, aber nur weil wir uns hoch am Himmel verlorener fühlen mögen als am Boden, ist das Risiko im Flugzeug auch nicht höher, als wenn wir ins Taxi steigen oder in den Bus. Wie sah es nochmal mit der Verdiensthöhe von Taxifahrern und Buslenkern aus?

Haben wir es vielleicht mit einem Marktphänomen zu tun? Mit Angebot und Nachfrage? Es sieht nicht so aus. Auch bei Fluglinien, die deutlich schlechter zahlen, finden sich genügend Kandidaten, die den Job machen wollen. Und offenbar nicht mal schlechte – denn auch bei Ryanair stürzen die Maschinen nicht häufiger ab als bei der Lufthansa.

Als ökonomisch interessiertere neutraler Betrachter kann man der Lufthansa nur raten, kurzfristig konsequent zu bleiben und auf lange Sicht das Gehaltsniveau dem (Welt-) Markt anzupassen. Denn wenn man so richtig in die Zukunft blickt, werden ferngesteuerte Drohnen auch im Passagierverkehr irgendwann ganz normal sein. Pilot ist so wenig ein Zukunftsberuf wie Lokführer oder Fernfahrer.

Über Nobelpreise, Eheversprechen und Ferienwohnungen

Der Wirtschaftsnobelpreis 2016 ist an Oliver Hart und Bengt Holmström gegangen. Eine gute Wahl, schon weil mir die Namen und deren Forschung ausnahmsweise mal etwas sagen. Außerdem wurde ein Thema honoriert, das uns alle betrifft: Die unvollständigen Verträge.

Wie so oft in der ökonomischen Theorie schaut es mau aus, wenn man nach einer griffigen Erklärung für Unbedarfte sucht. Aber Sie haben ja das Glück, hier mitzulesen …

Das Leben besteht aus einer Reihe von Verträgen und Vereinbarungen. Jedenfalls für die Vertragstheoretiker.

Ich stehe morgens auf, frühstücke und verabschiede mich dann von meiner Frau: “Ich komm gegen sieben zum Abendessen heim. Wein und Salat bring ich mit. Bussi!”

Hier haben wir schon die erste Vereinbarung: Ich sage meiner Frau mein Kommen und den Beitrag von Salat und Wein zu, meine Frau (die früher zuhause sein wird) bereitet den Rest des Abendessens vor. Wenn ich erst um neun betrunken heimkomme, werde ich Ärger bekommen, weil ich meinen Teil der Vereinbarung nicht erfüllt habe.

Diese kleine Verabredung ist Teil des Rahmenvertrages “Ehe”, den meine Frau und ich vor geraumer Zeit geschlossen haben. Wir versprachen, uns zu lieben und zu achten, in guten wie in schlechten Zeiten … naja, Sie kennen den Text.

Nachdem ich das Haus verlassen habe, gehe ich zur U-Bahn, um in die Arbeit zu fahren. Wieder ein Vertrag: Ich zahle meine Fahrkarte, die Verkehrsbetriebe transportieren mich dafür. Ich finde übrigens, dass sie ihren Teil unserer Vereinbarung ausgesprochen schlecht erledigen: Zugausfälle, Verspätungen, volle Züge … eigentlich sollte ich den Vertrag kündigen, aber es gibt leider keine Alternative für mich, also füge ich mich grummelnd.

Ich komme ins Büro und setze mich an meinen Schreibtisch. Auch meine Arbeit basiert auf einem Vertrag, den hab ich sogar unterschrieben und schwarz auf weiß zu Hause.

Das Spannende ist, dass Verträge explizit nur einen Bruchteil der Vertragsbeziehung regeln können. Mein Arbeitsvertrag etwa hat sechs Seiten, darin steht meine Position, das Gehalt, der Urlaubsanspruch und die Kündigungsregeln.

Wie ich meinen Job erledigen soll, ist natürlich nicht vertraglich geregelt. Welche Kaffeepausen toleriert werden, wieviel ich mit meinen Kollegen privat schwätze, ob ich jetzt erst die Aufstellung für die Bereichsleiterrunde mache oder die Tagesergebnisse unserer Bundesligatipprunde herumschicke, all das steht nirgendwo geschrieben – es beeinflusst aber die Wahrnehmung meiner Arbeitsleistung und das Bild, das mein Chef von mir hat und damit meine Aufstiegschancen und mein künftiges Gehalt.

Die Vertragstheorie versucht, diese Verhältnisse zu erkunden und Gestaltungsmöglichkeiten zu entwickeln, damit die impliziten Erwartungen an den Vertragspartner zu einem guten Ergebnis führen. Erfolgsbeteiligungen, variable Vergütungen, Bonusregelungen sind solche Instrumente im Arbeitsleben. In anderen Situationen des Wirtschaftslebens versucht man, Interessen durch so etwas wie Selbstbehalte und Schadensrabatte bei Versicherungen zu erzielen oder durch Kautionszahlungen bei Vermietungen.

Ein besonders beliebtes Forschungsgebiet für die Ökonomen ist die angemessene Vergütung von Topmanagern. Wie bringt man jemanden dazu, sein Bestes zu geben, Erfolge zu erzielen und im besten Sinne des Unternehmens zu handeln? Wie gestaltet man fixe und variable Komponenten, Vertragslaufzeiten usw. so, dass das Geld der Anteilseigner bestmöglich investiert ist?

Vieles an unvollständigen Verträgen bleibt Auslegungssache. Das merken Sie nicht nur, wenn Sie mit Ihrer Leistungsbeurteilung im Job ganz und gar nicht einverstanden sind. Sie erleben es auch, wenn Sie nach Nutzungsende mit einem Vertreter einer Leasingfirma Ihr Auto zurückgeben. Da entdecken Sie Abgründe an Kleinlichkeit – während Sie sagen, dass das Auto für drei Jahre Fahren und 120.000 km in tadellosem Zustand ist, notiert der Leasingfirmenfuzzi immer neue Lackschäden, Kratzerchen und Schönheitsfehler, die den Rücknahmewert zusammenschmelzen lassen!

Das gilt übrigens auch für implizite Verträge (die weitaus überwiegende Mehrheit unseres Lebens besteht aus impliziten Vereinbarungen): Als meine Frau und ich geheiratet haben, war das eine Grundübereinkunft, in gegenseitiger Achtung und Zuneigung zusammenzuleben. Wer an diesem Donnerstag den Kleinen vom Kindergarten abholt, haben wir damals nicht geregelt. Die Feinheiten müssen sich finden, und wenn das dauerhaft nicht gelingt, muss der Vertrag eben per Scheidung beendet werden.

Auch so etwas wie Bonusregelungen haben Sie in ihrem impliziten Ehevertrag. Glauben Sie nicht? Na, dann denken Sie mal an üppige Blumensträuße, besondere sexuelle Gefälligkeiten oder daran, wie Sie brav und still zu Tante Annelieses Siebzigsten mitgekommen sind …

Der Dreh- und Angelpunkt beim Abschluss unvollständiger Verträge ist fehlende Information. Wenn ich genau weiß, was ich von meinem Vertragspartner erwarten kann, ist so ein Vertrag eine unkomplizierte Sache. Eine Dose Cola im Supermarkt zu kaufen etwa ist einfach. Ich weiß, wie die Cola schmecken wird, ich weiß, wieviel in der Dose drin ist und ich kann erfühlen, wie stark die Dose gekühlt ist.

Wenn ein Unternehmen einen neuen Mitarbeiter anstellen will, ist die Lage ganz anders. Ist der Kandidat für den Job geeignet, werden wir mit ihm zufrieden sein? Hier ist zum einen das finanzielle Risiko höher, weil ein Arbeitsvertrag ja über lange Zeit läuft (im Gegensatz zu meinem Einmalkauf der Coladose). Wenn der Mitarbeiter sich als unpassend herausstellt, muss das Unternehmen außerdem Zeit und Geld investieren, um passenden Ersatz zu finden. Also versuchen Arbeitgeber, soviel wie möglich über den Kandidaten zu erfahren: Sie schauen sich seine Zeugnisse und Referenzen an, prüfen seine Persönlichkeit und fachlichen Kenntnisse in Vorstellungsgesprächen und Einstellungstests. Schließlich vereinbaren sie eine Probezeit oder Probearbeiten, um ihn möglichst genau kennenzulernen, bevor sie eine langfristige Verpflichtung eingehen.

Umgekehrt stellt sich das Problem gleichermaßen: Bevor man als Angestellter zu einem Unternehmen geht, wird man in Erfahrung bringen, was einen erwartet, wie das Arbeitsklima ist usw. Man googelt also, fragt Bekannte, sucht Erfahrungsberichte, schaut sich Arbeitgeberbewertungen an.

Und auch im impliziten Bereich stellt sich das Problem gleichermaßen: Taugt der Schwarm zum Ehepartner? Wird er Vater / Mutter meiner Kinder sein? “Drum prüfe, wer sich ewig bindet …” – nichts anderes ist der Versuch fehlende Informationen über die Qualitäten des Vertragspartners auszugleichen.

Bestimmt haben Sie auch schon mal Verträge abgeschlossen, bei denen Sie wegen fehlender Information ein ungutes Gefühl hatten. Mir geht das immer wieder vor dem Urlaub so. Hotel oder Ferienhaus werden im Prospekt bzw. im Internet natürlich in den höchsten Tönen angepriesen; immer wieder ist ein Haken dabei, den man aber erstmal finden muss.

Das Internet hat viel beigetragen, um Informationsdefizite zu beheben. Jedes Produkt wird tausendfach bewertet und analysiert. Das hilft – etwa wenn man Reiseberichte lesen kann, bevor man sich für ein Urlaubsziel entscheidet. Wenn das Ferienhaus x gute Bewertungen erhalten hat und alle schreiben, wie nett und unkompliziert der Vermieter sei, fällt mir die Entscheidung leichter.

Damit hebt sich das Problem der unvollständigen Verträge und der Informationsasymmetrie aber auf eine neue Ebene: Wenn gute Bewertungen einen Vorteil bringen, dann werden sie eben erkauft. Und schon wird man als Konsument wieder misstrauisch, ob all die 5-Sterne-Hymnen nicht über irgendeine PR-Agentur veranlasst wurden?

Wieder kann man das Spielchen umgekehrt genauso spielen: Ein Ferienhausvermieter berichtete mir mal von Kunden, die vor Ort plötzlich einen saftigen Nachlass verlangten; andernfalls würden sie das Objekt im Netz extra schlecht bewerten. Als Vermieter ist man da praktisch wehrlos, denn wenn man wahrheitsgemäß widerspricht, erhalten potenzielle Kunden das Bild eines zänkischen Rechthabers und Streithansels …

Rund um diese großen Themen drehen sich die Forschungsarbeiten der Herren Hart und Holmström. Sie haben die Mechanismen unvollständiger Verträge in Formeln gepackt und generalisiert. Dass sich diese Aufsätze meist nicht so spannend lesen, wie es dieses äußerst relevante Thema eigentlich verdient, liegt vermutlich am wissenschaftlichen Anspruch. Aber um den müssen wir uns ja hier gottlob nicht scheren.

Interrail von der EU? Eine tolle Idee. Und bezahlbar dazu!

Der Fraktionschef der Christdemokraten im Europaparlament, Weber, hat vorgeschlagen, jedem Unionsbürger zum 18. Geburtstag ein Interrail-Ticket zu schenken. Das finden viele andere gut, aber es kostet halt, wenden Kritiker ein. Unfug! (Also das mit den Kosten, nicht die Idee, an sich – die finde ich gut!)

Interrail ist klasse. Und wenn alle jungen Unionsbürger die Gelegenheit bekommen, umsonst ihre Nachbarn zu besuchen, kann das der europäischen Idee nur guttun. In der Sache habe ich noch keinen Widerspruch gehört. Nur die Kosten! Denn, so die Bedenkenträger, pro Jahr werden in der EU derzeit rund 5,4 Millionen Menschen 18 Jahre alt. Und wenn nur die Hälfte bis zwei Drittel der Achtzehnjährigen das Geschenk annehmen sollte, würde die Aktion 1 bis 1,5 Milliarden Euro kosten.

Das ist natürlich eine Menge Geld! Aber heiliger Bimbam! Liebe Politiker! Habt ihr denn gar nicht aufgepasst bei Kostenrechnung? Oder habt ihr alle bloß Jura studiert?

Gehen wir mal zum Ordner mit den Unterlagen aus dem Grundstudium der Wirtschaftswissenschaften vor vielen vielen Jahren. Auf dem Papier mag so ein Interrailticket für einen Monat knapp 500 Euro kosten. Aber die EU sollte die Tickets doch deutlich billiger bekommen …

Aus Kostensicht ist der Großteil der Interrailkosten nämlich fix. Die Gleise des europäischen Bahnnetzes sind verlegt, die Bahnhöfe stehen, und die Züge, mit denen Europas Jugend fahren will, sind ohnehin unterwegs – mit oder ohne EU-Interrailer. Die erhöhte Abnutzung dürfte angesichts des sonstigen Verkehrsaufkommens nicht ins Gewicht fallen. Reservierungsansprüche gibts keine (die muss man extra kaufen), also nimmt die Jugend den übrigen Reisenden auch nicht die Sitzplätze weg. Für die Bahnunternehmen entstehen echte Kosten damit nur dann, wenn ein Jugendlicher sich das Ticket, das er geschenkt bekommt, auch vom eigenen Geld gekauft hätte, wenn er es nicht geschenkt bekommen hätte. Die Ökonomen nennen das Opportunitätskosten.

Jährlich knapp 250.000 Interrailtickets wurden in den vergangenen Jahren in Europa verkauft. Man muss unter 26 sein, um eins zu bekommen – und wir nehmen mal an, unter 16 werden die wenigsten Jugendlichen auf eigene Faust quer durch Europa reisen dürfen. Macht also für die 16- bis 26-Jährigen eine Altersspanne von zehn Jahren. Damit entfallen rein rechnerisch etwa 25.000 Tickets auf die Gruppe der 18-Jährigen, die wir im Auge haben. Lassen wir es 30.000 sein, wenn wir annehmen, dass die 18-Jährigen die Reisefreudigsten ihrer Kohorte sind (und weil es sich dann einfacher rechnet). Damit kostet der Spaß nicht 1,5 Milliarden, sondern 30.000 mal 500 = 15 Millionen Euro. Mit 15 Mio EUR müsste man die Bahngesellschaften entschädigen, denen das Geschäft mit Interrailtickets für 18-Jährige wegbrechen wird.

15 Millionen Euro gibt die EU vermutlich für das Wässern der Grünpflanzen in den Gängen des Kommissionsgebäudes aus oder für Werbung für Urlaub in Sachsen-Anhalt oder als Subventionen für schwedische Giraffenzüchter. 15 Millionen sind für Europa nichts! Das  Interrailen aber könnte etwas werden für Europas Jugend – es ist jedenfalls eine sinnvolle und gute Idee, junge Europäer einander näher zu bringen.

Rüstungsexporte und anderes eklige Zeugs

Die deutschen Rüstungsexporte haben sich im letzten Jahr annähernd verdoppelt. Grund zur Besorgnis allerorten – wie konnte das geschehen? Der Wirtschaftsminister schiebt es auf die Vorgängerregierung, die Opposition schreit Feuer, die Leitartikler wiegen ihre graumelierten Köpfe.

Bei jedem anderen Wirtschaftszweig würde das Handelsblatt jubeln und die Regierung sich jeden Arbeitsplatz stolz ans Revers heften. Nicht dass ich Rüstungsgüter besonders toll fände, aber ein wenig schizophren ist das schon, oder?

Es ist in Deutschland erlaubt, Waffen und Militärgerät herzustellen. Die Rüstungsbranche hat eine lange Tradition, und unter den Herstellern finden sich bekannte und große Namen wie Heckler & Koch oder Rheinmetall. Das Gesetz fordert, dass Exporte unter bestimmten Umständen zu genehmigen sind. So will man verhindern, dass aus reinem Gewinnstreben Panzerfäuste an die Taliban verkauft werden oder Marschflugkörper nach Nordkorea. Alles, was genehmigt ist, müsste aber doch unseren moralischen Anforderungen genügen, und die Politiker sollten froh und dankbar sein, wenn sich, sagenwirmal, die argentinische Polizei für Pistolen aus Deutschland entscheidet und nicht aus Italien.

Nun liegt es in der Natur der Sache, dass Waffen und Militärgerät vor allem da gefragt sind, wo Krisen oder gar Krieg herrschen. Die Zahl der Länder, die demokratisch und friedlich regiert sind und zugleich akut Rüstungsgüter brauchen, ist leider gering. Dagegen locken immer wieder Aufträge aus Staaten, mit deren Regierungsstil man in Deutschland nicht so richtig einverstanden ist – aber wo ist da die Grenze zu ziehen?

Es gibt übrigens so einige Produkte, die in einer ähnlichen Grauzone wabern, so halb erlaubt, aber reglementiert und eigentlich pfui. Wenn Zigarettenhersteller oder Schnapsbrenner Umsatzrekorde melden würden, wäre die Reaktion vermutlich ebenso seltsam. Bei Tabak und Spirituosen balanciert der Staat halt nicht mit Ausfuhrgenehmigungen, sondern mit dem Ausmaß an Werbung, das noch zulässig ist: Inwieweit lässt der Staat es zu, dass seine Bürger zum Konsum von derlei ungesunden Produkten verführt wird?

Im Vergleich mit Zigaretten und Schnaps hat die Regierung bei den Waffenschmieden immerhin den moralischen Vorteil, dass sie nicht direkt von den Steuern auf diese Produktverkäufe profitiert. Denn dass bei Wolfgang Schäuble mit jeder Flasche Korn und jeder Schachtel Zigaretten extra die Kasse klingelt, macht die Werbeeinschränkungen und -verbote ja noch grotesker.

Ach, wir Armen!

Achtung! Immer mehr arme Menschen in Bayern und Baden-Württemberg! Armutsquote nicht gesunken! Der Wohlfahrtsverband schlägt Alarm! Ernsthaft jetzt?

Zu den wenigen Aufregerthemen, die mich wirklich in Wallung bringen, zählt die scheinheilige Diskussion um die Armut hierzulande. Da könnte ich jedesmal kotzen. Nein, ich finde es nicht schlimm, wenn Menschen arm sind, und diesen Armutsbericht kann man in der verkürzten Form, in der die Medien ihn wiedergeben, komplett in die Tonne treten. Bin ich deshalb ein rücksichtsloser Arsch? Ich denke: nein.

Nehmen wir mal Familie Beispiel. Mama, Papa und zwei Kinder, beide Eltern berufstätig, Haushaltseinkommen 70.000 EUR brutto, Etagenwohnung in der Stadt oder Reihenhäuschen im Speckgürtel, ein Auto, einmal im Jahr ein Urlaub an der Nordsee. Sind die Beispiels reich? Sind sie arm? Wie hoch ist ihr Armutsrisiko?

Das ganze leidige Thema der Armut krankt an der Definition von “arm”. Arm ist nach der Armutsstudie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, wer weniger als 60% des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat.

Damit hängt es davon ab, mit wem wir die Beispiels vergleichen. In Beverly Hills oder Killesberg sind sie eher arm, in Lagos oder Mexiko-Stadt sind sie vermutlich reich, und in Buer-Erkenschwick werden sie so in der Mitte mitschwimmen. Nehmen wir mal an, sie leben in Buer-Erkenschwick.

Was kann nun die Beispiels in die Armut treiben? Einmal natürlich das Risiko, ihr Einkommen (oder wesentliche Teile davon) zu verlieren. Wenn Papa Beispiel seinen Job verliert und Mama Beispiel dem Trunk verfällt, dann haben die Beispiels vielleicht nur noch 20.000 Euro zum Leben, und dann wären sie arm.

Es kann aber auch sein, dass bei den Beispiels alles beim Alten bleibt, aber in ihrer Vergleichsgruppe einige Leute an Einkommen zulegen. Wenn ein paar ihrer Nachbarn im Lotto gewinnen und ein Bundesligaprofi mit Millionengehalt nach Buer zieht, steigt das Durchschnittseinkommen. Damit steigt auch die 60%-Grenze, und die Beispiels drohen statistisch in die Kategorie “arm” zu fallen, obwohl sie genau so gut dastehen wie zuvor.

Umgekehrt könnte es sein, dass reiche Leute aus der Vergleichsgrupppe rausfallen. Zum Beispiel weil ein Sportmillionär seinen Hauptwohnsitz von Buer nach Monaco verlegt. Dann rutschen die Beispiels näher an den (gesunkenen) Einkommensdurchschnit, und die Wohlfahrtsverbände jubeln, weil es weniger Armut gibt. Der Stadtkämmerer, dem die Steuereinnahmen des Millionärs fehlen, wird das anders sehen.

Keine Armut gibt es nur dann, wenn alle gleich viel bekommen. Solange wir aber akzeptieren, dass es höhere und geringere Einkommen gibt und solange viele von uns danach streben, reich zu werden, müssen wir Armut als Schattenseite dieser Medaille akzeptieren. Wenn es Leute gibt, die durch harte Arbeit, gute Ideen oder einfach Glück zu Reichtum kommen können, muss es auch möglich sein, durch Ungeschick, Pech oder Unvermögen nach unten zu rutschen.

Entscheidend ist nur: Wie weit? Und bei dieser Frage kann es ja nicht um Relationen gehen, sondern um die konkreten Lebensumstände. Ich kann ein Zehntel oder ein Hundertstel irgendeines Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben, ohne dass es mich friert oder ich hungere. Umgekehrt hilft es mir wenig, dass alle anderen genauso wie ich im Elend vegetieren, wenn es am Fundamentalsten fehlt. Wenn in einer weniger begünstigten Weltgegend keiner im Dorf Zugang zu sauberem Wasser oder Strom hat, freuen wir uns ja auch nicht, dass Armut hier unbekannt ist, weil alle gleichermaßen elend dran sind.

Aber zurück zu uns: Armut ist nicht unser Problem, Chancen sind es. Aus meiner Sicht hat der Sozialstaat zunächst einmal dafür zu sorgen, dass niemand in menschenunwürdigen Umständen leben muss. Dass jemand verhungert oder erfriert oder an fehlender medizinischer Versorgung zugrundegeht, das ist für mich ein Unding, das unser Gemeinwesen zu verhindern hat.

Darüber hinaus hat der Staat nach meinem Verständnis auch die Verantwortung, Chancen zu schaffen, auch für die, die nicht viel Geld haben – das zielt für mich vor allem auf Bildung. Auch wer arm ist, sollte die Gelegenheit für einen guten Schulabschluss und ein Studium bekommen. Und so die Möglichkeit erhalten, seinerseits aus der Armut auszubrechen, wenn er sich anstrengt.

Dass Menschen verarmen, ist unvermeidlich. Der Staat kann keine Vollkaskoversicherung für Lebensrisiken bieten und jedem garantieren, dass sein Lebensstandard immer so bleiben wird, komme, was wolle. Aber wenn sich Armut verfestigt, wenn die, die arm geboren werden, mit hoher Wahrscheinlichkeit in ihrem Leben arm bleiben müssen und arm sterben, dann stimmt etwas nicht im System.

Wie aber könnte man es schaffen, Armut in Berichten und Analysen besser zu greifen? Ein erster Schritt wäre, von dem blöden Durchschnitt wegzukommen. Jeder, der sich mal mit Statistik beschäftigt hat, weiß, wie anfällig dieser Wert auf Ausreißer reagiert – Sie kennen den blöden Witz mit dem Mann, der eine Hand auf der Herdplatte liegen hat und die anderer in die Tiefkühltruhe hält und sich im Durchschnitt angenehm fühlen müsste. Nähme man stattdessen den Median (also den Wert, den die Hälfte der Betrachteten erreicht), wäre alles schon mal stabiler und weniger empfindlich gegenüber Ausreißern wie unserem Fußballmillionaro in Buer-Erkenschwick.

Man könnte auch all die als arm definieren, deren Einkommen einen bestimmten absoluten Betrag nicht erreicht. Dann definiert man: Zu einem akzeptablen Lebensstandard in Deutschland braucht man bestimmte Dinge (Wohnung, Essen, Kleidung, Arzt usw.), und das kostet zurzeit pro Nase x Euro – und wer weniger hat, ist arm.

Blöderweise müsste man das x jedes Jahr neu bestimmen, und es wäre auch wieder nicht gerecht, weil man im ländlichen Mecklenburg bestimmt billiger lebt als am Tegernsee. Und dann würde die Linke fordern, dass der Hartz-IV-Satz mindestens auf x zu heben sei, und dann hätten wir per Definition auf einen Schlag gar keine Armen mehr, und der DPWV wäre arbeitslos. So weit wollen wir es dann doch nicht kommen lassen.