Nicolai Levin

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Kunden an Ketten

Die Deutsche Bahn wirbt zurzeit recht heftig für eine Bahn-Card, die (Tusch!) “monatlich kündbar” sein soll. Dieses Angebot aber gibt es “nur noch für kurze Zeit”. Und ich denke mir: Was für eine Frechheit, warum kann die depperte Bahn-Card eigentlich nicht immer von Monat zu Monat kündbar sein?

Ungünstige Kündigungsbedingungen sind in Deutschland ein alltägliches Ärgernis. Das Festketten von Kunden gegen deren Willen zählt zu den Dingen, die ich weder als Ökonom noch als Verbraucher verstehen kann und will. Wenn ich als selbstbewusster und seriöser Anbieter an zufriedenen Kunden interessiert bin, die mich möglichst noch weiterempfehlen, werde ich doch nicht jemanden gegen seinen erklärten Willen zum Kundesein zwingen. Da ist doch vorhersehbar, dass der Kunde wider Willen nur noch unzufriedener wird und Negatives über mich verbreitet.

Zugegeben, es gibt Vertragsbeziehungen, da ist es sinnvoll, sich langfristig zu binden und den Wechsel zu erschweren. Wenn ein Normalsterblicher sein Häusle baut und dafür einen Kredit aufnimmt, läuft der über zehn oder zwanzig Jahre. Es geht um hohe Summen und Risiken, und ehe man nicht einen neuen Gläubiger bieten kann, ist man an den ursprünglichen Finanzierer gebunden. Geht nicht anders.

Auch (private) Krankenversicherungen machen einem das Wechseln schwer. Auch das hat seinen Sinn: Das Prüfen der Gesundheitsunterlagen ist umständlich und teuer, zudem kalkulieren die Krankenversicherer ihre Beiträge so, dass sie den Alterungseffekt ihrer Versicherten (die als Greise teurere medizinische Leistungen abfragen denn als Jungspunde) über die Laufzeit verteilen, daher wird es von Lebensjahr zu Lebensjahr teurer zu wechseln.

Bei Arbeitsverträgen ist es so, dass aus Arbeitgebersicht normalerweise Ersatz her muss, wenn ein Mitarbeiter kündigt. Daher sind die Kündigungsfristen idealerweise so geregelt, dass der Arbeitgeber eine Chance hat, sich um einen Nachfolger zu kümmern, ehe der Kündigende weg ist.

Eine Besonderheit sind (Arbeits-) Verträge, bei denen eine Seite in Vorleistung geht. Wenn man zum Beispiel die Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr einschlägt, lässt einen die Bundeswehr kostenfrei und zu sehr guten Studienbedingungen an einer der Bundeswehrunis studieren. Wer bei der Lufthansa Pilot werden will, erhält ein Ausbildungsprogramm, das ihn befähigt, Flugzeuge zu steuern. Beide Arbeitgeber wollen verhindern, dass jemand die teure Ausbildung für lau mitnimmt und sich dann sofort mit dem Diplom in der Tasche wieder verabschiedet. Daher gibt es in beiden Fällen Klauseln in den Arbeitsverträgen, nach denen die teure Ausbildung im Nachhinein bezahlt werden muss, wenn jemand vor einer vereinbarten Mindestlaufzeit kündigen will.

Ökonomisch ähnlich von der Funktionsweise, aber fragwürdiger (aus Kundensicht) werden dann schon die Kombiangebote, bei denen der Kunde ein vermeintliches Zuckerl zu Vertragsbeginn abbezahlt. So ein Beispiel sind die Mobilfunkverträge aus der Anfangszeit der Handys: Die Betreiber waren scharf auf Neukunden und lockten mit den neuesten Modellen gratis oder zu einem Spottbetrag, wenn man einen entsprechenden Vertrag abschloss. Nach 12 oder 24 Monaten gabs dann die nächste Gerätegeneration dafür, dass man den Vertrag verlängerte. Das funktionierte natürlich nur dadurch, dass die Telefonie- oder Serviceentgelte auch die Kosten für das Gerät mit finanzierten. Je transparenter die Konditionen wurden und je weiter sich der Markt sättigte, desto weniger funktionierte das Locken mit Geräten. Es gab aber genug Leute, die noch monate- und jahrelang Grundgebühren für Verträge zahlten, die sie längst nicht mehr nutzten, einfach um das vermeintlich geschenkte Handy von vor drei Jahren faktisch abzustottern.

Dann gibt es noch die Bindungsklauseln, die keinen nachvollziehbaren Sinn haben und die nur dafür sorgen sollen, dass der Anbieter möglichst lange vom lukrativen Vertrag profitieren kann. Bleiben wir bei der Telefonie und denken wir zurück an die Klingelton-Abos, die zur Jahrtausendwende berüchtigt waren: Einmal irgendwo leichtsinnig online zugestimmt, erhielten die Abo-Opfer über elend lange Laufzeiten jede Woche neue Klingeltöne fürs Handy, die sie eigentlich gar nicht mehr brauchten. Das hatte mehr mit Wegelagerei und Straßenraub zu tun als mit seriösem partnerschaftlichen Geschäftsgebaren.

Auch die Versicherungen banden ihre Kunden sträflich fest. Automatische Mindestlaufzeiten von zehn und mehr Jahren bei Sachversicherungen, wie sie bis in die achtziger Jahre gang und gäbe waren, erklärten die Bundesrichter irgendwann für sittenwidrig.

Heute sind es vor allem Medienanbieter und eben die Deutsche Bahn, die ohne Rücksicht auf Kundenzufriedenheit Verkaufszahlen pushen wollen. Da stehen die Zeitungsvertreter an ihren Ständen vor der Uni und an den Bahnhöfen und rufen: “FAZ gratis!” (oder Zeit oder Süddeutsche oder wasweißich) Ohne dafür zu zahlen solle man sich von den Vorteilen des Qualitätsjournalismus überzeugen. Augen auf, heißt es da für den umworbenen Leser! Zum einen greifen die Verlage auf diesem Weg kostbare Adressdaten ab, die sie an Adresshändler weiterverkaufen – und wuppdich findet der Neu-Abonnent nicht nur die Zeitung im Briefkasten, sondern auch reichlich Werbepost von Edelversendern, Weinhäusern und was sonst so demografisch ins Profil eines FAZ / Zeit / Süddeutsche-Leser passt. Manchmal wandelt sich das Probeabo aber auch in ein reguläres Jahresabo (kündbar nach frühestens 12 Monaten) um, wenn man nicht ausdrücklich widerspricht. Dieses ärgerliche Vorgehen ist zugegeben in den letzten Jahren seltener geworden – vermutlich haben zu viele geprellte Zwangsabonnenten protestiert.

Genau so eine schleichende Umwandlung von Schnupperangeboten betreibt die Bahn mit ihren vielbeworbenen Sonder-Bahn-Cards. Das ist nochmal ärgerlicher als bei den Zeitungen, weil die Bahn-Card nur dann einen Sinn für den Kunden hat, wenn er auch mit der Bahn fährt. Wer also aufgrund seiner Lebensumstände keine größeren Bahnfahrten vorhat, für den sind die hundert oder zweihundert Euro für eine Bahn-Card schlicht rausgeschmissenes Geld ohne Gegenwert. Daher ist auch die lange Bindung der Bahn-Card für Kunden ein Ärgernis – wer kann heute schon sicher sagen, ob er in sechs bis zwölf Monaten viel Bahn fahren wird?

Interessanterweise sind solche Geschäftspraktiken andernorts nicht möglich oder üblich. In den USA scheint der Verbraucherschutz jedenfalls weiter gefasst zu sein. Der Online-Streamingdienst Netflix wirbt damit, man könne jederzeit zum nächsten Monat kündigen (und hat es mir damit leicht gemacht, mich anzumelden, wusste ich doch, dass mein Risiko beschränkt sein würde). Sonst kenne ich amerikanische Serviceanbieter nur von berufsständischen “Associations” – da ist man immer nur so lang Mitglied wie man bezahlt hat und wird frühzeitig freundlichst erinnert, doch bitte an die Verlängerung der Mitgliedschaft zu denken.

Gleiches gilt für die “National Geographic Society”, bei der ich “valued member since 19xx” bin und die mich ebenfalls mit schmeichelnden Briefen umwirbt, doch weiter bei der Stange zu bleiben (aus meiner Sicht ist die Mitgliedschadt dort auch nichts anderes als das Abo des Magazins). Auch wenn ich weiß, dass die Kosten für Bettelbriefe und Kundenbindungsleute letztlich meinen Beitrag erhöhen, finde ich das sympathischer und kundenorientierter als die stillschweigende Verlängerung deutscher Abos, bei denen ich nur Jahr für Jahr eine Rechnung bekomme.

Airbusfahrer

22 Prozent mehr Gehalt wollen die Piloten der Lufthansa, und dafür streiken sie. Die Passagiere ärgern sich, die Maschinen bleiben am Boden. Viele Beobachter schütteln die Köpfe, angesichts des Lohnniveaus, das Lufthansapiloten schon jetzt genießen.

Nun ist es natürlich jedermanns gutes Recht, mehr Geld zu fordern. Schließlich würden die meisten von uns nicht nein sagen, wenn es mehr Gehalt gäbe. Auf lange Sicht haben die Piloten aber schlechte Karten, behaupte ich.

Zugegeben: Kurzfristig haben die Piloten ihren Arbeitgeber im Würgegriff. Die Lufthansa erleidet mit jedem Streiktag Millionenschäden, die Kunden sind sauer, die schwer angeschlagene Konkurrenz darf sich freuen. Piloten lassen sich auch nicht von jetzt auf gleich ersetzen. Wenn die Kindergärtner streiken, können die geplagten Eltern einen Reihum-Notdienst in Selbstbetreuung aufziehen, beim Flugzeugfliegen wird das schwierig.

Aber mal grundsätzlich gefragt: Warum verdienen Piloten überhaupt so ein Schweinegeld?

Da ist einmal die lange Ausbildung, sagen die Piloten. Aber auch Förster und Erzieher durchlaufen lange Jahre an Unis und Schulen, bis sie ihr Berufsziel bei weit geringerer Entlohnung erreichen.

Im Grunde werden die Piloten exzellent und lang ausgebildet, um dann ein komplexes elektronisch gesteuertes Flugzeug zu steuern, das sich weitgehend automatisiert und maschinell bewegt. Das meiste regelt inzwischen der Computer, nur wenn der ausfallen sollte (oder kritische Entscheidungen zu treffen sind), ist die hohe Pilotenkunst noch gefragt. Die Notlandung auf dem Hudson River in New York 2009 war so ein Beispiel. Im Alltag erledigen Autopilot und Landeautomatik den Großteil der Arbeit im Cockpit.

Der bewusst herbeigeführte Absturz der Germanwings-Maschine in Südfrankreich 2015 zeigte, welchen Aufwand ein Pilot heutzutage unternehmen muss, um all die automatischen Helfer zu überwinden und das Flugzeug doch noch manuell in den Abgrund zu reißen. Fast ist es wie im ICE, nur dass die Kollegen der Bahn einen Bruchteil dessen bekommen, was die Lufthansa ihren Flugzeugführern bezahlt.

Piloten tragen Verantwortung für Menschenleben, lautet ein weiteres Argument für hohe Gehälter in der Luftfahrt. Das ist richtig, aber nur weil wir uns hoch am Himmel verlorener fühlen mögen als am Boden, ist das Risiko im Flugzeug auch nicht höher, als wenn wir ins Taxi steigen oder in den Bus. Wie sah es nochmal mit der Verdiensthöhe von Taxifahrern und Buslenkern aus?

Haben wir es vielleicht mit einem Marktphänomen zu tun? Mit Angebot und Nachfrage? Es sieht nicht so aus. Auch bei Fluglinien, die deutlich schlechter zahlen, finden sich genügend Kandidaten, die den Job machen wollen. Und offenbar nicht mal schlechte – denn auch bei Ryanair stürzen die Maschinen nicht häufiger ab als bei der Lufthansa.

Als ökonomisch interessiertere neutraler Betrachter kann man der Lufthansa nur raten, kurzfristig konsequent zu bleiben und auf lange Sicht das Gehaltsniveau dem (Welt-) Markt anzupassen. Denn wenn man so richtig in die Zukunft blickt, werden ferngesteuerte Drohnen auch im Passagierverkehr irgendwann ganz normal sein. Pilot ist so wenig ein Zukunftsberuf wie Lokführer oder Fernfahrer.

Über Nobelpreise, Eheversprechen und Ferienwohnungen

Der Wirtschaftsnobelpreis 2016 ist an Oliver Hart und Bengt Holmström gegangen. Eine gute Wahl, schon weil mir die Namen und deren Forschung ausnahmsweise mal etwas sagen. Außerdem wurde ein Thema honoriert, das uns alle betrifft: Die unvollständigen Verträge.

Wie so oft in der ökonomischen Theorie schaut es mau aus, wenn man nach einer griffigen Erklärung für Unbedarfte sucht. Aber Sie haben ja das Glück, hier mitzulesen …

Das Leben besteht aus einer Reihe von Verträgen und Vereinbarungen. Jedenfalls für die Vertragstheoretiker.

Ich stehe morgens auf, frühstücke und verabschiede mich dann von meiner Frau: “Ich komm gegen sieben zum Abendessen heim. Wein und Salat bring ich mit. Bussi!”

Hier haben wir schon die erste Vereinbarung: Ich sage meiner Frau mein Kommen und den Beitrag von Salat und Wein zu, meine Frau (die früher zuhause sein wird) bereitet den Rest des Abendessens vor. Wenn ich erst um neun betrunken heimkomme, werde ich Ärger bekommen, weil ich meinen Teil der Vereinbarung nicht erfüllt habe.

Diese kleine Verabredung ist Teil des Rahmenvertrages “Ehe”, den meine Frau und ich vor geraumer Zeit geschlossen haben. Wir versprachen, uns zu lieben und zu achten, in guten wie in schlechten Zeiten … naja, Sie kennen den Text.

Nachdem ich das Haus verlassen habe, gehe ich zur U-Bahn, um in die Arbeit zu fahren. Wieder ein Vertrag: Ich zahle meine Fahrkarte, die Verkehrsbetriebe transportieren mich dafür. Ich finde übrigens, dass sie ihren Teil unserer Vereinbarung ausgesprochen schlecht erledigen: Zugausfälle, Verspätungen, volle Züge … eigentlich sollte ich den Vertrag kündigen, aber es gibt leider keine Alternative für mich, also füge ich mich grummelnd.

Ich komme ins Büro und setze mich an meinen Schreibtisch. Auch meine Arbeit basiert auf einem Vertrag, den hab ich sogar unterschrieben und schwarz auf weiß zu Hause.

Das Spannende ist, dass Verträge explizit nur einen Bruchteil der Vertragsbeziehung regeln können. Mein Arbeitsvertrag etwa hat sechs Seiten, darin steht meine Position, das Gehalt, der Urlaubsanspruch und die Kündigungsregeln.

Wie ich meinen Job erledigen soll, ist natürlich nicht vertraglich geregelt. Welche Kaffeepausen toleriert werden, wieviel ich mit meinen Kollegen privat schwätze, ob ich jetzt erst die Aufstellung für die Bereichsleiterrunde mache oder die Tagesergebnisse unserer Bundesligatipprunde herumschicke, all das steht nirgendwo geschrieben – es beeinflusst aber die Wahrnehmung meiner Arbeitsleistung und das Bild, das mein Chef von mir hat und damit meine Aufstiegschancen und mein künftiges Gehalt.

Die Vertragstheorie versucht, diese Verhältnisse zu erkunden und Gestaltungsmöglichkeiten zu entwickeln, damit die impliziten Erwartungen an den Vertragspartner zu einem guten Ergebnis führen. Erfolgsbeteiligungen, variable Vergütungen, Bonusregelungen sind solche Instrumente im Arbeitsleben. In anderen Situationen des Wirtschaftslebens versucht man, Interessen durch so etwas wie Selbstbehalte und Schadensrabatte bei Versicherungen zu erzielen oder durch Kautionszahlungen bei Vermietungen.

Ein besonders beliebtes Forschungsgebiet für die Ökonomen ist die angemessene Vergütung von Topmanagern. Wie bringt man jemanden dazu, sein Bestes zu geben, Erfolge zu erzielen und im besten Sinne des Unternehmens zu handeln? Wie gestaltet man fixe und variable Komponenten, Vertragslaufzeiten usw. so, dass das Geld der Anteilseigner bestmöglich investiert ist?

Vieles an unvollständigen Verträgen bleibt Auslegungssache. Das merken Sie nicht nur, wenn Sie mit Ihrer Leistungsbeurteilung im Job ganz und gar nicht einverstanden sind. Sie erleben es auch, wenn Sie nach Nutzungsende mit einem Vertreter einer Leasingfirma Ihr Auto zurückgeben. Da entdecken Sie Abgründe an Kleinlichkeit – während Sie sagen, dass das Auto für drei Jahre Fahren und 120.000 km in tadellosem Zustand ist, notiert der Leasingfirmenfuzzi immer neue Lackschäden, Kratzerchen und Schönheitsfehler, die den Rücknahmewert zusammenschmelzen lassen!

Das gilt übrigens auch für implizite Verträge (die weitaus überwiegende Mehrheit unseres Lebens besteht aus impliziten Vereinbarungen): Als meine Frau und ich geheiratet haben, war das eine Grundübereinkunft, in gegenseitiger Achtung und Zuneigung zusammenzuleben. Wer an diesem Donnerstag den Kleinen vom Kindergarten abholt, haben wir damals nicht geregelt. Die Feinheiten müssen sich finden, und wenn das dauerhaft nicht gelingt, muss der Vertrag eben per Scheidung beendet werden.

Auch so etwas wie Bonusregelungen haben Sie in ihrem impliziten Ehevertrag. Glauben Sie nicht? Na, dann denken Sie mal an üppige Blumensträuße, besondere sexuelle Gefälligkeiten oder daran, wie Sie brav und still zu Tante Annelieses Siebzigsten mitgekommen sind …

Der Dreh- und Angelpunkt beim Abschluss unvollständiger Verträge ist fehlende Information. Wenn ich genau weiß, was ich von meinem Vertragspartner erwarten kann, ist so ein Vertrag eine unkomplizierte Sache. Eine Dose Cola im Supermarkt zu kaufen etwa ist einfach. Ich weiß, wie die Cola schmecken wird, ich weiß, wieviel in der Dose drin ist und ich kann erfühlen, wie stark die Dose gekühlt ist.

Wenn ein Unternehmen einen neuen Mitarbeiter anstellen will, ist die Lage ganz anders. Ist der Kandidat für den Job geeignet, werden wir mit ihm zufrieden sein? Hier ist zum einen das finanzielle Risiko höher, weil ein Arbeitsvertrag ja über lange Zeit läuft (im Gegensatz zu meinem Einmalkauf der Coladose). Wenn der Mitarbeiter sich als unpassend herausstellt, muss das Unternehmen außerdem Zeit und Geld investieren, um passenden Ersatz zu finden. Also versuchen Arbeitgeber, soviel wie möglich über den Kandidaten zu erfahren: Sie schauen sich seine Zeugnisse und Referenzen an, prüfen seine Persönlichkeit und fachlichen Kenntnisse in Vorstellungsgesprächen und Einstellungstests. Schließlich vereinbaren sie eine Probezeit oder Probearbeiten, um ihn möglichst genau kennenzulernen, bevor sie eine langfristige Verpflichtung eingehen.

Umgekehrt stellt sich das Problem gleichermaßen: Bevor man als Angestellter zu einem Unternehmen geht, wird man in Erfahrung bringen, was einen erwartet, wie das Arbeitsklima ist usw. Man googelt also, fragt Bekannte, sucht Erfahrungsberichte, schaut sich Arbeitgeberbewertungen an.

Und auch im impliziten Bereich stellt sich das Problem gleichermaßen: Taugt der Schwarm zum Ehepartner? Wird er Vater / Mutter meiner Kinder sein? “Drum prüfe, wer sich ewig bindet …” – nichts anderes ist der Versuch fehlende Informationen über die Qualitäten des Vertragspartners auszugleichen.

Bestimmt haben Sie auch schon mal Verträge abgeschlossen, bei denen Sie wegen fehlender Information ein ungutes Gefühl hatten. Mir geht das immer wieder vor dem Urlaub so. Hotel oder Ferienhaus werden im Prospekt bzw. im Internet natürlich in den höchsten Tönen angepriesen; immer wieder ist ein Haken dabei, den man aber erstmal finden muss.

Das Internet hat viel beigetragen, um Informationsdefizite zu beheben. Jedes Produkt wird tausendfach bewertet und analysiert. Das hilft – etwa wenn man Reiseberichte lesen kann, bevor man sich für ein Urlaubsziel entscheidet. Wenn das Ferienhaus x gute Bewertungen erhalten hat und alle schreiben, wie nett und unkompliziert der Vermieter sei, fällt mir die Entscheidung leichter.

Damit hebt sich das Problem der unvollständigen Verträge und der Informationsasymmetrie aber auf eine neue Ebene: Wenn gute Bewertungen einen Vorteil bringen, dann werden sie eben erkauft. Und schon wird man als Konsument wieder misstrauisch, ob all die 5-Sterne-Hymnen nicht über irgendeine PR-Agentur veranlasst wurden?

Wieder kann man das Spielchen umgekehrt genauso spielen: Ein Ferienhausvermieter berichtete mir mal von Kunden, die vor Ort plötzlich einen saftigen Nachlass verlangten; andernfalls würden sie das Objekt im Netz extra schlecht bewerten. Als Vermieter ist man da praktisch wehrlos, denn wenn man wahrheitsgemäß widerspricht, erhalten potenzielle Kunden das Bild eines zänkischen Rechthabers und Streithansels …

Rund um diese großen Themen drehen sich die Forschungsarbeiten der Herren Hart und Holmström. Sie haben die Mechanismen unvollständiger Verträge in Formeln gepackt und generalisiert. Dass sich diese Aufsätze meist nicht so spannend lesen, wie es dieses äußerst relevante Thema eigentlich verdient, liegt vermutlich am wissenschaftlichen Anspruch. Aber um den müssen wir uns ja hier gottlob nicht scheren.

Interrail von der EU? Eine tolle Idee. Und bezahlbar dazu!

Der Fraktionschef der Christdemokraten im Europaparlament, Weber, hat vorgeschlagen, jedem Unionsbürger zum 18. Geburtstag ein Interrail-Ticket zu schenken. Das finden viele andere gut, aber es kostet halt, wenden Kritiker ein. Unfug! (Also das mit den Kosten, nicht die Idee, an sich – die finde ich gut!)

Interrail ist klasse. Und wenn alle jungen Unionsbürger die Gelegenheit bekommen, umsonst ihre Nachbarn zu besuchen, kann das der europäischen Idee nur guttun. In der Sache habe ich noch keinen Widerspruch gehört. Nur die Kosten! Denn, so die Bedenkenträger, pro Jahr werden in der EU derzeit rund 5,4 Millionen Menschen 18 Jahre alt. Und wenn nur die Hälfte bis zwei Drittel der Achtzehnjährigen das Geschenk annehmen sollte, würde die Aktion 1 bis 1,5 Milliarden Euro kosten.

Das ist natürlich eine Menge Geld! Aber heiliger Bimbam! Liebe Politiker! Habt ihr denn gar nicht aufgepasst bei Kostenrechnung? Oder habt ihr alle bloß Jura studiert?

Gehen wir mal zum Ordner mit den Unterlagen aus dem Grundstudium der Wirtschaftswissenschaften vor vielen vielen Jahren. Auf dem Papier mag so ein Interrailticket für einen Monat knapp 500 Euro kosten. Aber die EU sollte die Tickets doch deutlich billiger bekommen …

Aus Kostensicht ist der Großteil der Interrailkosten nämlich fix. Die Gleise des europäischen Bahnnetzes sind verlegt, die Bahnhöfe stehen, und die Züge, mit denen Europas Jugend fahren will, sind ohnehin unterwegs – mit oder ohne EU-Interrailer. Die erhöhte Abnutzung dürfte angesichts des sonstigen Verkehrsaufkommens nicht ins Gewicht fallen. Reservierungsansprüche gibts keine (die muss man extra kaufen), also nimmt die Jugend den übrigen Reisenden auch nicht die Sitzplätze weg. Für die Bahnunternehmen entstehen echte Kosten damit nur dann, wenn ein Jugendlicher sich das Ticket, das er geschenkt bekommt, auch vom eigenen Geld gekauft hätte, wenn er es nicht geschenkt bekommen hätte. Die Ökonomen nennen das Opportunitätskosten.

Jährlich knapp 250.000 Interrailtickets wurden in den vergangenen Jahren in Europa verkauft. Man muss unter 26 sein, um eins zu bekommen – und wir nehmen mal an, unter 16 werden die wenigsten Jugendlichen auf eigene Faust quer durch Europa reisen dürfen. Macht also für die 16- bis 26-Jährigen eine Altersspanne von zehn Jahren. Damit entfallen rein rechnerisch etwa 25.000 Tickets auf die Gruppe der 18-Jährigen, die wir im Auge haben. Lassen wir es 30.000 sein, wenn wir annehmen, dass die 18-Jährigen die Reisefreudigsten ihrer Kohorte sind (und weil es sich dann einfacher rechnet). Damit kostet der Spaß nicht 1,5 Milliarden, sondern 30.000 mal 500 = 15 Millionen Euro. Mit 15 Mio EUR müsste man die Bahngesellschaften entschädigen, denen das Geschäft mit Interrailtickets für 18-Jährige wegbrechen wird.

15 Millionen Euro gibt die EU vermutlich für das Wässern der Grünpflanzen in den Gängen des Kommissionsgebäudes aus oder für Werbung für Urlaub in Sachsen-Anhalt oder als Subventionen für schwedische Giraffenzüchter. 15 Millionen sind für Europa nichts! Das  Interrailen aber könnte etwas werden für Europas Jugend – es ist jedenfalls eine sinnvolle und gute Idee, junge Europäer einander näher zu bringen.

Rüstungsexporte und anderes eklige Zeugs

Die deutschen Rüstungsexporte haben sich im letzten Jahr annähernd verdoppelt. Grund zur Besorgnis allerorten – wie konnte das geschehen? Der Wirtschaftsminister schiebt es auf die Vorgängerregierung, die Opposition schreit Feuer, die Leitartikler wiegen ihre graumelierten Köpfe.

Bei jedem anderen Wirtschaftszweig würde das Handelsblatt jubeln und die Regierung sich jeden Arbeitsplatz stolz ans Revers heften. Nicht dass ich Rüstungsgüter besonders toll fände, aber ein wenig schizophren ist das schon, oder?

Es ist in Deutschland erlaubt, Waffen und Militärgerät herzustellen. Die Rüstungsbranche hat eine lange Tradition, und unter den Herstellern finden sich bekannte und große Namen wie Heckler & Koch oder Rheinmetall. Das Gesetz fordert, dass Exporte unter bestimmten Umständen zu genehmigen sind. So will man verhindern, dass aus reinem Gewinnstreben Panzerfäuste an die Taliban verkauft werden oder Marschflugkörper nach Nordkorea. Alles, was genehmigt ist, müsste aber doch unseren moralischen Anforderungen genügen, und die Politiker sollten froh und dankbar sein, wenn sich, sagenwirmal, die argentinische Polizei für Pistolen aus Deutschland entscheidet und nicht aus Italien.

Nun liegt es in der Natur der Sache, dass Waffen und Militärgerät vor allem da gefragt sind, wo Krisen oder gar Krieg herrschen. Die Zahl der Länder, die demokratisch und friedlich regiert sind und zugleich akut Rüstungsgüter brauchen, ist leider gering. Dagegen locken immer wieder Aufträge aus Staaten, mit deren Regierungsstil man in Deutschland nicht so richtig einverstanden ist – aber wo ist da die Grenze zu ziehen?

Es gibt übrigens so einige Produkte, die in einer ähnlichen Grauzone wabern, so halb erlaubt, aber reglementiert und eigentlich pfui. Wenn Zigarettenhersteller oder Schnapsbrenner Umsatzrekorde melden würden, wäre die Reaktion vermutlich ebenso seltsam. Bei Tabak und Spirituosen balanciert der Staat halt nicht mit Ausfuhrgenehmigungen, sondern mit dem Ausmaß an Werbung, das noch zulässig ist: Inwieweit lässt der Staat es zu, dass seine Bürger zum Konsum von derlei ungesunden Produkten verführt wird?

Im Vergleich mit Zigaretten und Schnaps hat die Regierung bei den Waffenschmieden immerhin den moralischen Vorteil, dass sie nicht direkt von den Steuern auf diese Produktverkäufe profitiert. Denn dass bei Wolfgang Schäuble mit jeder Flasche Korn und jeder Schachtel Zigaretten extra die Kasse klingelt, macht die Werbeeinschränkungen und -verbote ja noch grotesker.

Ach, wir Armen!

Achtung! Immer mehr arme Menschen in Bayern und Baden-Württemberg! Armutsquote nicht gesunken! Der Wohlfahrtsverband schlägt Alarm! Ernsthaft jetzt?

Zu den wenigen Aufregerthemen, die mich wirklich in Wallung bringen, zählt die scheinheilige Diskussion um die Armut hierzulande. Da könnte ich jedesmal kotzen. Nein, ich finde es nicht schlimm, wenn Menschen arm sind, und diesen Armutsbericht kann man in der verkürzten Form, in der die Medien ihn wiedergeben, komplett in die Tonne treten. Bin ich deshalb ein rücksichtsloser Arsch? Ich denke: nein.

Nehmen wir mal Familie Beispiel. Mama, Papa und zwei Kinder, beide Eltern berufstätig, Haushaltseinkommen 70.000 EUR brutto, Etagenwohnung in der Stadt oder Reihenhäuschen im Speckgürtel, ein Auto, einmal im Jahr ein Urlaub an der Nordsee. Sind die Beispiels reich? Sind sie arm? Wie hoch ist ihr Armutsrisiko?

Das ganze leidige Thema der Armut krankt an der Definition von “arm”. Arm ist nach der Armutsstudie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, wer weniger als 60% des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat.

Damit hängt es davon ab, mit wem wir die Beispiels vergleichen. In Beverly Hills oder Killesberg sind sie eher arm, in Lagos oder Mexiko-Stadt sind sie vermutlich reich, und in Buer-Erkenschwick werden sie so in der Mitte mitschwimmen. Nehmen wir mal an, sie leben in Buer-Erkenschwick.

Was kann nun die Beispiels in die Armut treiben? Einmal natürlich das Risiko, ihr Einkommen (oder wesentliche Teile davon) zu verlieren. Wenn Papa Beispiel seinen Job verliert und Mama Beispiel dem Trunk verfällt, dann haben die Beispiels vielleicht nur noch 20.000 Euro zum Leben, und dann wären sie arm.

Es kann aber auch sein, dass bei den Beispiels alles beim Alten bleibt, aber in ihrer Vergleichsgruppe einige Leute an Einkommen zulegen. Wenn ein paar ihrer Nachbarn im Lotto gewinnen und ein Bundesligaprofi mit Millionengehalt nach Buer zieht, steigt das Durchschnittseinkommen. Damit steigt auch die 60%-Grenze, und die Beispiels drohen statistisch in die Kategorie “arm” zu fallen, obwohl sie genau so gut dastehen wie zuvor.

Umgekehrt könnte es sein, dass reiche Leute aus der Vergleichsgrupppe rausfallen. Zum Beispiel weil ein Sportmillionär seinen Hauptwohnsitz von Buer nach Monaco verlegt. Dann rutschen die Beispiels näher an den (gesunkenen) Einkommensdurchschnit, und die Wohlfahrtsverbände jubeln, weil es weniger Armut gibt. Der Stadtkämmerer, dem die Steuereinnahmen des Millionärs fehlen, wird das anders sehen.

Keine Armut gibt es nur dann, wenn alle gleich viel bekommen. Solange wir aber akzeptieren, dass es höhere und geringere Einkommen gibt und solange viele von uns danach streben, reich zu werden, müssen wir Armut als Schattenseite dieser Medaille akzeptieren. Wenn es Leute gibt, die durch harte Arbeit, gute Ideen oder einfach Glück zu Reichtum kommen können, muss es auch möglich sein, durch Ungeschick, Pech oder Unvermögen nach unten zu rutschen.

Entscheidend ist nur: Wie weit? Und bei dieser Frage kann es ja nicht um Relationen gehen, sondern um die konkreten Lebensumstände. Ich kann ein Zehntel oder ein Hundertstel irgendeines Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben, ohne dass es mich friert oder ich hungere. Umgekehrt hilft es mir wenig, dass alle anderen genauso wie ich im Elend vegetieren, wenn es am Fundamentalsten fehlt. Wenn in einer weniger begünstigten Weltgegend keiner im Dorf Zugang zu sauberem Wasser oder Strom hat, freuen wir uns ja auch nicht, dass Armut hier unbekannt ist, weil alle gleichermaßen elend dran sind.

Aber zurück zu uns: Armut ist nicht unser Problem, Chancen sind es. Aus meiner Sicht hat der Sozialstaat zunächst einmal dafür zu sorgen, dass niemand in menschenunwürdigen Umständen leben muss. Dass jemand verhungert oder erfriert oder an fehlender medizinischer Versorgung zugrundegeht, das ist für mich ein Unding, das unser Gemeinwesen zu verhindern hat.

Darüber hinaus hat der Staat nach meinem Verständnis auch die Verantwortung, Chancen zu schaffen, auch für die, die nicht viel Geld haben – das zielt für mich vor allem auf Bildung. Auch wer arm ist, sollte die Gelegenheit für einen guten Schulabschluss und ein Studium bekommen. Und so die Möglichkeit erhalten, seinerseits aus der Armut auszubrechen, wenn er sich anstrengt.

Dass Menschen verarmen, ist unvermeidlich. Der Staat kann keine Vollkaskoversicherung für Lebensrisiken bieten und jedem garantieren, dass sein Lebensstandard immer so bleiben wird, komme, was wolle. Aber wenn sich Armut verfestigt, wenn die, die arm geboren werden, mit hoher Wahrscheinlichkeit in ihrem Leben arm bleiben müssen und arm sterben, dann stimmt etwas nicht im System.

Wie aber könnte man es schaffen, Armut in Berichten und Analysen besser zu greifen? Ein erster Schritt wäre, von dem blöden Durchschnitt wegzukommen. Jeder, der sich mal mit Statistik beschäftigt hat, weiß, wie anfällig dieser Wert auf Ausreißer reagiert – Sie kennen den blöden Witz mit dem Mann, der eine Hand auf der Herdplatte liegen hat und die anderer in die Tiefkühltruhe hält und sich im Durchschnitt angenehm fühlen müsste. Nähme man stattdessen den Median (also den Wert, den die Hälfte der Betrachteten erreicht), wäre alles schon mal stabiler und weniger empfindlich gegenüber Ausreißern wie unserem Fußballmillionaro in Buer-Erkenschwick.

Man könnte auch all die als arm definieren, deren Einkommen einen bestimmten absoluten Betrag nicht erreicht. Dann definiert man: Zu einem akzeptablen Lebensstandard in Deutschland braucht man bestimmte Dinge (Wohnung, Essen, Kleidung, Arzt usw.), und das kostet zurzeit pro Nase x Euro – und wer weniger hat, ist arm.

Blöderweise müsste man das x jedes Jahr neu bestimmen, und es wäre auch wieder nicht gerecht, weil man im ländlichen Mecklenburg bestimmt billiger lebt als am Tegernsee. Und dann würde die Linke fordern, dass der Hartz-IV-Satz mindestens auf x zu heben sei, und dann hätten wir per Definition auf einen Schlag gar keine Armen mehr, und der DPWV wäre arbeitslos. So weit wollen wir es dann doch nicht kommen lassen.

Wunderwelt Wikipedia

Wikipedia ist schon toll. Doch zum zehnjährigen Jubiläum ertönen Warnsignale: Es fehlt an Autoren, und das Wachstum lässt nach. Besteht Grund zur Besorgnis?

Die offene Online-Enzyklopädie hat nicht nur die Faktensuche für Schülereferate verändert. Ohne es zu beabsichtigen, hat sie die erste Stelle unserer Wissensbeschaffung eingenommen. In Form einer “disruptiven Erfindung” hat sie eine ganze Branche verabschiedet. Lexikonverlage wie Brockhaus waren einst einträgliche Unternehmen – jetzt sind sie Geschichte.

Wikipedia ist ein rares Beispiel für etwas, das theoretisch eigentlich nicht funktionieren kann. Wirtschaftstheoretiker sagen, dass kein Mensch etwas umsonst hergibt. Bei Wikipedia gibt es aber kein Geld. Eitelkeit ist ja auch was wert. Insofern finde ich es erstaunlich, dass so viele Leute so viel geschrieben haben, ohne dass es ihnen gedankt wird. Jeder User hat nur seinen Benutzernamen, und der von – sagenwirmal – Stephen Hawking hätte die gleichen Editierrechte wie von irgendeiner halbwüchsigen Dumpfbacke. Nein, ich kann mir nicht mal inhaltlich einen Claim reservieren und dann auf Partys damit angeben, dass ich ja der Autor des Wikipedia-Artikels über den Urknall bin. Jeden Satz, den ich in das Wiki schreibe, darf ein anderer ungestraft ändern, löschen oder ergänzen. Die Anreize sind also denkbar schlecht, sich hinzusetzen und einfach so für andere sein Wissen zu teilen.

Da ist es schon erstaunlich, wie gut das System sich in der Praxis bewährt. Trotz der permanenten Gefahr unrichtiger Inhalte kann man sich im Großen und Ganzen auf das verlassen, was in der Wikipedia steht. Nun hat sie ihren zehnten Geburtstag gefeiert. Fast 2 Millionen Artikel gibt es inzwischen allein auf Deutsch. Aber, so warnen die Auguren, neue Autoren sind rar, und die Zunahme an Artikeln und Volumen flacht merklich ab. Müssen wir uns Sorgen machen? Ich denke: nein. Diese Entwicklung scheint mir ganz natürlich.

Zum Einen ist Wikipedia inzwischen etabliert. Meine Kinder kennen keine Welt ohne Internet, und im Internet sucht man entweder bei Google oder bei Wikipedia, wenn man was in Erfahrung bringen will. Die ungläubige Neugierde, die viele Autoren der ersten Generation zur Mitarbeit bewegt hat, die gibt es nicht mehr. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich meinen User angelegt habe, weil ich einfach mal ausprobieren wollte, ob das wirklich geht mit dem Ändern. Eine Zeitlang hab ich sogar ziemlich aktiv Sachen geschrieben, bis es die Zeit nicht mehr zuließ.

Ein zweiter Grund ist ein gewisser Sättigungsgrad. Zu meiner frühen Zeit gab es zu ganz vielen offensichtlichen Themen noch keine Artikel. Die Heimatstadt, das Lieblingshobby, der bevorzugte Fußballclub, Lieblingsfilme, -sänger – überall waren rote Links und grüne Wiese. Da klopfte man ein paar Sätze aus dem Gedächtnis hinein, und alle waren glücklich. Man war heilfroh um jeden Beitrag, jedes kleine bisschen Info war besser als nichts. Heute muss man sich schon für abseitige Themen interessieren, um noch ein Betätigungsfeld zu finden, zu dem bisher keiner was geschrieben hat.

Mit den Diskussionen um die Zuverlässigkeit und Qualität der Wikipedia-Einträge stiegen die Hürden für Beiträge. Heute wird erwartet, dass man fast schon wissenschaftlich arbeitet und alles Wesentliche mit unabhängigen Quellen belegt, was man als Information bei Wikipedia hinterlegt. Das schreckt bestimmt viele Freizeitforscher und Laien ab und hebt die Hemmschwelle für junge Leute.

Schließlich tut Wikipedia wenig bis nichts, um sich selbst attraktiv zu machen. Zwar hat sich eine Art Gemeinde von Wikipädisten gebildet, aber für Neue wirkt der Laden mit seinen rigorosen Admins doch eher abschreckend. Menschen, die Freude daran haben, eine Enzyklopädie zu schreiben, ticken halt häufig nicht so einladend und freundlich, wie das die Generation Facebook gewohnt ist, die Bestätigung und Lob für jedes verschwommene Selfie erwartet. Ein Griesgram, der nur belegte Fakten dulden will, passt da nicht recht ins Bild.

Wie weit sich Wikipedia ändern, um für neue Autoren attraktiv zu werden? Wie will sich die Enzyklopädie positionieren zwischen positivem Mitgliedererlebnis und einem rigorosen Qualitätsanspruch. Weder soll (und will) sie zum Sozialen Netz werden, noch kann (und darf) sie zum abgeschotteten Spielplatz für autistische Nerds werden, die sich in Geschäftsordnungsdebatten ergötzen.

Aber auch da bin ich zuversichtlich, dass sich ein Weg finden wird. Inzwischen hat Wikipedia unter den Informationsquellen eine derart herausragende Position, dass sie sozusagen “too big to fail” ist. Wir alle brauchen Wikipedia, denn der Brockhaus im Regal ist schließlich schon zwanzig Jahre alt.