Nicolai Levin

Sieben Reiter geben Entwarnung

Vor einigen Wochen habe ich an dieser Stelle einen Beitrag über eine konservative Antwort auf die AfD geschrieben. Anlass war ein Artikel in der taz;  in dessen Kommentaren wies ein Leser auf ein Buch hin, das man gelesen haben müsste, um zu verstehen, wie die Konservativen heutzutage tickten: “.Sept Cavaliers ..” von Jean Raspail. Da mich das Thema schon länger beschäftigt, hat mich prompt die Neugier gepackt und ich wollte aus erster Hand erfahren, was dran sein könnte …

Bei Amazon war erstmal Fehlanzeige. “Sieben Reiter verließen die Stadt” gibt es dort nur gebraucht oder über Drittanbieter mit saftigen Versandpauschalen. Also bin ich ganz altmodisch ins Buchgeschäft gegangen und hab’s mir bestellt. Später erfuhr ich, dass Amazon offenbar nichts mit dem deutschen Verlag Antaios zu tun haben will. Wenn man das Sachbuchprogramm dort ansieht, kann man verstehen, warum. Da findet sich in der Tat einiges Unschöne und Abstoßende – Titel, die verdächtig völkisch und Pegidamäßig klingen. Auch die Vita von Verlagsleiter Götz Kubitschek lässt keinen Zweifel an dessen Gesinnung am weit rechten Rand des politischen Spektrums.

Aber mir geht es ja um Raspail, nicht um seinen deutschen Verleger.

Raspail hat 1973 das ‘Heerlager der Heiligen‘ geschrieben, in dem eine sehr große Zahl indischer Flüchtlinge übers Meer nach Frankreich kommt und das Land ins Chaos stürzt. Armutsmigration war zu jener Zeit in rechten oder auch nur bürgerlichen Kreisen kein Thema. In marxistischen Zirkeln wurde es diskutiert, die den Spätkapitalismus in seiner allerletzten Phase sahen, oder in christlich-grünen Dritte-Welt-Gruppen, die mit Jutesackerln und selbstgestrickten Inkamützen gegen die Ungerechtigkeit von Hunger und Elend an der Peripherie des Weltgeschehens angehen wollten. Dass die Menschheit einmal so mobil werden würde, dass aus den Gegensätzen von Reich und Arm handfeste Problem für die Länder des Nordens wüchsen, konnte sich Anfang der 1970-er sonst kaum jemand ausmalen. Als die Realität des Sommers 2015 Raspails Schreckensbild nachzuzeichnen begann, avancierte er zum gefeierten Propheten der Rechten.

Ob sein drittes Werk ‘Sire‘ je an die Realität stoßen wird, darf dagegen bezweifelt werden. Hier lässt Raspail den letzten Spross der Bourbonen im Jahre 1999 wieder zum französischen König krönen.

Sieben Reiter verließen die Stadt” spielt in einem ungenannten Reich zu einer ungenannten Zeit. Beides lässt sich zwar durch Informationen im Buch eingrenzen (dazu später mehr), bleibt aber erstmal vage. Es herrschen Chaos und Bürgerkrieg; der Herrscher, ein gütiger alter Markgraf, hält mit einer Handvoll Getreuer noch die Burg der Hauptstadt; eine Seuche hat die Bevölkerung dezimiert; die Jugend ist zudem einem halluzinogenen Pilz verfallen. Kirchenbänke dienen als Brennholz, jeder kämpft gegen jeden. Angefangen hat das Unglück, als sich die Jugendlichen völlig unerwartet mit abruptem Hass und Gewalt gegen die Ordnung der Erwachsenen aufzulehnen begannen.

Da befiehlt der Markgraf den Oberst Silvius von Pickendorff zu sich, er soll mit sechs anderen losreiten und in Erkundung bringen, ob anderswo das gleiche Chaos herrscht. Silvius sucht und findet sechs passende Mitreiter und macht sich auf den Weg.

Man erfährt im Verlauf des Buches einiges, was zur zeitlichen Einordnung hilft. Der Stand verfügbarer Technik lässt auf die Mitte des 19. Jahrhunderts schließen – es gibt Karabinergewehre, Eisenbahnen, Telegrafen und Daguerreotypien, aber keine Telefone, Automobile oder Flugzeuge. Die Eisenbahn habe man vor 30 Jahren eingeführt, heißt es, und das Stahlkonstrukt des prächtigen Hauptbahnhofes sei ein frühes Werk Eiffels.

Welches Land aber kann Raspail gemeint haben? Die Namen der Personen klingen meist deutsch und französisch, die Konfession ist katholisch, Fauna und Flora mehr oder weniger mitteleuropäisch, ein Erinnerungsstein mahnt daran, dass Hadrians Legionen einst durchs Land gezogen waren – am östlichen Rand des Reiches, das wäre dann wohl das heutige Rumänien. Ein Hafen im Südwesten verbindet das Land mit südlichen Kolonien, zu denen man eine Woche mit dem Schiff fährt. Nach Osten hin grenzen hohe Gebirge das Land ab. Die Erzfeinde des Landes – zu Hause jenseits dieser Berge – werden Tschetschenen genannt. Einmal erfährt man die Koordinaten eines Schiffsgefechts: Wenn man die Zahlen bei Google Maps eingibt, landet man im Schwarzen Meer vor der Küste der Krim. Raspail hat also munter gemischt: Mitteleuropäischer Habitus verbunden mit der Tradition christlicher Außenposten, wie man sie vielleicht in Armenien oder Georgien sehen kann.

Als Roman ist die Geschichte flott und spannend geschrieben: Auch hier findet sich aus vielen Quellen etwas. Ein bisschen erinnert die schneidige Schar an Alexandre Dumas’ Musketiere; der Abgesang erinnert ein wenig an Ernst Jüngers Marmorklippen; der Weltenbrand lässt an Tolkiens Mittelerde denken.

Konservativ ist natürlich die ganze Anlage der Geschichte. Seit Platons Zeiten klagen die Erzieher über die Verderbtheit und den Niedergang der Jugend. Und auch sonst sind die Muster klar: Die Aristokraten sind gut und edel und selbstlos, während im gemeinen Volke Selbstsucht und Gemeinheit herrschen. Die (katholische) Kirche gibt Halt und Ordnung – alles Anarchische, Zügellose, Chaotische rüttelt an diesem heiligen Gerüst. Frauen kommen wenige vor: Sie sind entweder enthobene Prinzessinnen (des Markgrafen Tochter) oder notgeile Huren (alle anderen). Raspails Helden bewahren für sich die gute alte Ordnung gegen alle Widrigkeiten der Wirklichkeit, gegen Mehrheiten und die schiere Übermacht der Gewalt. Zum Ende übernimmt nach und nach jeder einen verlorenen Posten, an dem er wohl zu Grunde gehen wird; bis auf die beiden verbliebenen Figuren, die in einem fulminanten (und überraschenden) Ende an der verlassenen Grenzstation in einen Zug steigen, der losfährt und dann in einer traumgleichen Wandlung als Pariser Vorortzug in unserer Jetztzeit ankommt.

Soweit ist Raspails Geschichte eben die Abenteuergeschichte eines konservativen Dichters. Über die Qualität mag man streiten, ich hab mich alles in allem amüsiert bei der Lektüre. Muss uns die Weltsicht des Autors stören? Ist sie gefährlich? Raspails Frauenbild scheint dem von Donald Trump zu gleichen, aber das unterscheidet ihn auch nicht groß von Ian Flemings James Bond.

Bedenken wir: In Karl Mays Büchern finden wir einen bigotten Nationalisten (da rettet ihn nicht einmal, dass Winnetou schwul war). Muss man die Jugend deshalb vor ihm schützen? Ich denke, nein.

Die eigentlich interessante Frage, die sich mir stellt: Taugt das Werk als Abziehbild für das Politische, kann man / muss man politisch etwas hineinlesen?

Jede politisch motivierte Dystopie stellt zugleich eine Warnung dar: Orwells ‘1984‘ mahnt uns, unsere Privatsphäre zu schützen und uns nicht einem Diktat der Bequemlichkeit zu unterwerfen,  Huxleys ‘Schöne neue Welt‘ warnt vor Kastendenken und elitärem Dünkel, Saramagos ‘Stadt der Blinden‘ singt das hohe Lied der Mitmenschlichkeit und Solidarität. Raspail bietet nichts dergleichen; woher das Unglück kommt, wie es hätte verhindert werden können, wie es sich ausbreitet, lässt er im Dunklen. Er konfrontiert uns nur mit einer Welt, die sich in dem chaotischen und schlimmen Zustand nach der Katastrophe befindet. Seine Helden kennen und vertreten die gute und gerechte Ordnung, die dahin ist, aber sie können nichts dafür tun, außer ihren aus der Zeit gefallenen Ehrenkodex hoch zu halten und ihre Werte mit sich in den Untergang zu nehmen.

Raspails Konservativismus ist vor allem elitär: Aristokratie und eine streng hierarchische Kirche tragen die Säulen seiner Welt. Wer ihm gedanklich nahe steht, den lässt das Buch vermutlich eher resigniert und verbittert zurück. Aber so jemand dürfte von den Erfolgen der Rechtspopulisten, der Nigel Farages und Donald Trumps, ebenso angewidert sein wie seine linksliberalen Kollegen. Als politische Kampfschrift taugt “Sieben Reiter …” daher wenig in den Zeiten, in denen genau diejenigen triumphieren, die sich von rechts unten gegen die etablierten Eliten aufspielen. Nein, Jean Raspail ist kein gefährlicher Prophet der Neuen Rechten oder der Identitären – die setzen intellektuell auf weit stumpferes Gerät.

2016. Genug davon.

2016. Annus Horribilis.

Horribilis? Es gibt Lichtblicke, etwa im Kampf gegen den Daesh-Terror-Staat im Irak. In Syrien hingegen tobt unvermindert und immer weiter ein Krieg, in dem es keine unterstützenswerte Partei gibt – Putin, Assad, Islamisten aller Schattierungen und ein paar Kurden zwischendrin. Bomben und Granaten, keine humanitäre Hilfe, Hunger, Durst – die verbliebene Zivilbevölkerung trägt die grausige Last des Gemetzels.

Wir moderat-liberalen Relevanten im reichen und zivilen Westen mussten in diesem Jahr das Ende unserer modernen Diskurskultur erkennen. Unsere Filterblase ist geplatzt, aus der wir Rassisten, Frauenfeinde, homophobe Deppen und ignorante Dumpfbacken jahrelang erfolgreich ausgeblendet hatten. Nur weil die Arschgeigen in unseren Twittertimelines und Facebook-Pinnwänden nicht (mehr) vorkommen, haben sie ihre Stimme und ihr Stimmrecht aber nicht verloren. Im Gegenteil – sie stellen offenbar die Mehrheit. Jedenfalls hat es gereicht, die Briten zum EU-Austritt votieren zu lassen und Donald Trump zum US-Präsidenten zu wählen.

War sonst was? Ja, der Tod hat ungewöhnlich reiche Ernte gehalten in diesem denkwürdigen Jahr: Lemmy Kilmister (zwar technisch noch in 2015, aber nach Aussenden aller Jahresrückblicke gestorben), Pierre Boulez, David Bowie, Ruth Leuwerik, Alan Rickman, Black, Roger Willemsen, Harper Lee, Umberto Eco, Peter Lustig, Nikolaus Harnoncourt, Keith Emerson, Guido Westerwelle, Phife Dawg, Johan Cruyff, Imre Kertész, Hans-Dietrich Genscher, Prince, Fritz Stern, Muhammad Ali, Götz George, Manfred Deix, Bud Spencer, Wolfram Siebeck, Miriam Pielhau, Péter Esterházy, Reinhard Selten, Walter Scheel, Shimon Peres, Brigitte Hamann, Manfred Krug, Oleg Popow, Leonard Cohen, Fidel Castro, Greg Lake – und der Dezember ist noch nicht mal zur Hälfte rum.

Noch mehr? Portugal wurde Europameister – im Finale sogar ohne Cristiano Ronaldo.

Immer noch mehr? Angelina Jolie und Brat Pitt trennten sich. Star Wars kopierte sich selbst, Netflix brachte eine ordentliche zweite Staffel Bloodline und eine grandiose zweite Staffel Narcos, und ich kann mich nicht erinnern, wer 2016 im Dschungelcamp war, geschweige denn, wer es gewonnen hat.

Airbusfahrer

22 Prozent mehr Gehalt wollen die Piloten der Lufthansa, und dafür streiken sie. Die Passagiere ärgern sich, die Maschinen bleiben am Boden. Viele Beobachter schütteln die Köpfe, angesichts des Lohnniveaus, das Lufthansapiloten schon jetzt genießen.

Nun ist es natürlich jedermanns gutes Recht, mehr Geld zu fordern. Schließlich würden die meisten von uns nicht nein sagen, wenn es mehr Gehalt gäbe. Auf lange Sicht haben die Piloten aber schlechte Karten, behaupte ich.

Zugegeben: Kurzfristig haben die Piloten ihren Arbeitgeber im Würgegriff. Die Lufthansa erleidet mit jedem Streiktag Millionenschäden, die Kunden sind sauer, die schwer angeschlagene Konkurrenz darf sich freuen. Piloten lassen sich auch nicht von jetzt auf gleich ersetzen. Wenn die Kindergärtner streiken, können die geplagten Eltern einen Reihum-Notdienst in Selbstbetreuung aufziehen, beim Flugzeugfliegen wird das schwierig.

Aber mal grundsätzlich gefragt: Warum verdienen Piloten überhaupt so ein Schweinegeld?

Da ist einmal die lange Ausbildung, sagen die Piloten. Aber auch Förster und Erzieher durchlaufen lange Jahre an Unis und Schulen, bis sie ihr Berufsziel bei weit geringerer Entlohnung erreichen.

Im Grunde werden die Piloten exzellent und lang ausgebildet, um dann ein komplexes elektronisch gesteuertes Flugzeug zu steuern, das sich weitgehend automatisiert und maschinell bewegt. Das meiste regelt inzwischen der Computer, nur wenn der ausfallen sollte (oder kritische Entscheidungen zu treffen sind), ist die hohe Pilotenkunst noch gefragt. Die Notlandung auf dem Hudson River in New York 2009 war so ein Beispiel. Im Alltag erledigen Autopilot und Landeautomatik den Großteil der Arbeit im Cockpit.

Der bewusst herbeigeführte Absturz der Germanwings-Maschine in Südfrankreich 2015 zeigte, welchen Aufwand ein Pilot heutzutage unternehmen muss, um all die automatischen Helfer zu überwinden und das Flugzeug doch noch manuell in den Abgrund zu reißen. Fast ist es wie im ICE, nur dass die Kollegen der Bahn einen Bruchteil dessen bekommen, was die Lufthansa ihren Flugzeugführern bezahlt.

Piloten tragen Verantwortung für Menschenleben, lautet ein weiteres Argument für hohe Gehälter in der Luftfahrt. Das ist richtig, aber nur weil wir uns hoch am Himmel verlorener fühlen mögen als am Boden, ist das Risiko im Flugzeug auch nicht höher, als wenn wir ins Taxi steigen oder in den Bus. Wie sah es nochmal mit der Verdiensthöhe von Taxifahrern und Buslenkern aus?

Haben wir es vielleicht mit einem Marktphänomen zu tun? Mit Angebot und Nachfrage? Es sieht nicht so aus. Auch bei Fluglinien, die deutlich schlechter zahlen, finden sich genügend Kandidaten, die den Job machen wollen. Und offenbar nicht mal schlechte – denn auch bei Ryanair stürzen die Maschinen nicht häufiger ab als bei der Lufthansa.

Als ökonomisch interessiertere neutraler Betrachter kann man der Lufthansa nur raten, kurzfristig konsequent zu bleiben und auf lange Sicht das Gehaltsniveau dem (Welt-) Markt anzupassen. Denn wenn man so richtig in die Zukunft blickt, werden ferngesteuerte Drohnen auch im Passagierverkehr irgendwann ganz normal sein. Pilot ist so wenig ein Zukunftsberuf wie Lokführer oder Fernfahrer.

Herrn Levins kleiner Erziehungsratgeber

Kennen Sie schon Herrn Brause (@fritzbrause auf Twitter)? Sollten Sie aber. Hin und wieder bloggt er auch – Brauseschreibt – neulich zum Thema Kindererziehung. Seinem Beitrag ist nichts zu widersprechen, aber vielleicht ein bisschen was hinzuzufügen.

Kindererziehung ist nämlich kein Hexenwerk; davon bin ich überzeugt. Und daher (Tusch!) ein paar Punkte für junge Eltern und solche, die es werden wollen.

1. Haben Sie den Mut, begeistert zu sein!

Fritz Brause schreibt, er sei begeistert von seinen Kindern. Ich bin das auch (also, von meinen – seine kenn ich ja nicht), und ich halte es sogar für eine Selbstverständlichkeit, von seinen Kindern begeistert zu sein. Noch mehr, ich finde es schlimm, wenn Eltern nicht von ihren Kindern begeistert sind.

Wie sich die Kinder machen, liegt bekanntermaßen an drei Faktoren: Gene (meiner Frau ihre und meine – bei uns kann also schon mal nicht viel schief gehen), Erziehung und Glück. Glück gehört dazu – wer in einer Welt aufwachsen darf, in der es leidlich friedlich und zivilisiert zugeht, hat natürlich weit bessere Chancen, als jemand, der jeden Tag mit allen Mitteln ums nackte Dasein kämpfen muss, machen wir uns nichts vor.

Bleibt die Erziehung. Ich bin selbstverständlich auch von der Erziehung überzeugt, die ich meinen Kindern erteile. Wie auch nicht? Wäre ich nicht überzeugt, dass das richtig ist, würde ich es ja anders machen.

Das klingt jetzt vielleicht doof, aber ich bin überzeugt, in der Kindererziehung haben Selbstzweifel nichts zu suchen. Genau so wenig wie bei einem Raubtierdompteur übrigens. Ich vermute, viel von der Wischiwaschihaltung, die auch Herr Brause beklagt, liegt daran, dass Eltern unsicher sind, das Richtige zu tun. Sie ziehen Bücher zu Rate, rennen in Vorträge und Selbsthilfegruppen, und wenn es konkret wird, und sie dem Kind gegenüber was entscheiden müssen, zögern sie und eiern herum. Die Raubtiere wittern die Unsicherheit und Angst, wenn einer mit vollen Hosen in ihren Käfig kommt. Für ein Kind, das Verlässlichkeit und Halt braucht, um sich in einer unbekannten Welt zurechtzufinden, ist das nicht viel anders.

2. Bleiben Sie entspannt – auch bei Fehlern!

Also stehen Sie zu Ihren Entscheidungen! Haben Sie keine Angst, Fehler zu begehen. Jeder macht Fehler, gerade bei der Kindererziehung. Das ist ganz normal und gar nicht schlimm. Hier unterscheidet sich die Kindererziehung von der Raubtierdressur – während für den Dompteur ein Fehler potenziell tödlich ist, müssen sie keine so gravierenden Konsequenzen befürchten.

Viel von der Verkrampftheit, die ich bei Eltern beobachte, kommt von der panischen Angst, etwas falsch zu machen. Nur ja richtig reagieren in jeder Lebenssituation, nur ja das Kind optimal fördern, ernähren Aber Kinder sind robuste Pflänzchen, die nicht beim ersten Erziehungsfehler gleich zu Massenmördern, Bettnässern oder AfD-Sympathisanten werden. So wie Kinder die positiven Dinge und Fortschritte, die sie machen, nur durch häufige Wiederholung und Übung erlernen, so verfestigen sich auch Ihre Fehler erst, wenn sie für Ihr Kind zu einem Muster und einer erlernten Erfahrung werden. Sie haben also genügend Zeit, gegenzusteuern und einen Fehler auszuwetzen, keine Sorge!

3. Gestehen Sie Fehler ein!

Wenn Sie erkannt haben, dass Sie einen Fehler gegenüber Ihrem Kind gemacht haben, gestehen Sie das ruhig ein. Es fällt Ihnen auch kein Zacken aus der Krone, um Entschuldigung zu bitten.

Nach meiner Erfahrung fällt es Kindern erstmal ziemlich schwer, “normal” um Verzeihung zu bitten: Entweder sie sehen ihren Fehler nicht ein, sind nicht schuldbewusst und entsprechend bockig oder aber sie sind völlig aufgelöst und verzweifelt ob ihres Fehlverhaltens. Dass man nicht alle Würde verliert, wenn man einen Fehler eingesteht und beim Opfer um Nachsicht und Verzeihung bittet, dass es manchmal wichtiger sein kann, eine Beziehung zu kitten, als den letzten Rest von Wahrheit aus einer Situation zu kitzeln, all das müssen sie lernen – am besten, indem sie es erleben. Und wo besser als bei den eigenen Eltern?

Übrigens: Auch wenn ich einen Fehler zugunsten des Kindes gemacht habe, sage ich ihm das (wenn es passt): “Ich halte es inzwischen für falsch, dass ich dir gestern den Kinobesuch erlaubt hab, obwohl du deine Mathehausaufgaben noch nicht gemacht hattest. Beim nächsten Mal werd ich da strenger sein.” Mein Kind muss wissen, was es von mir erwarten kann. Und auch, warum ich heute anders entscheide als gestern. Wenn schon inkonsequent, dann wenigstens richtig!

4. Sie sind Vorbild, ob Sie wollen oder nicht

Kinder lernen durch Nachahmung, und die Eltern sind mit die wichtigsten Bezugspersonen dafür. Diese Vorbildfunktion erschreckt offenbar manche Eltern und trägt zu deren Unsicherheit bei. Weil sie glauben, sie müssten Mutter Teresa und Superman in einer Person sein, und sich da naturgemäß überfordert fühlen, erheben sie Kindererziehung zur Wissenschaft und machen die Autoren von Ratgebern reich.

Dabei ist die Logik doch ganz schlicht: Man kann von den Kindern nicht mehr erwarten, als man ihnen vorlebt. Wer erwartet, dass die Kinder manierlich Obst essend Arte gucken, während die Eltern sich mit Chips und Cola auf dem Sofa fläzen und RTL2 schauen, der ist halt leider falsch gewickelt.

Die gute Nachricht vom beispielhaften Elternverhalten: Bei “gutem” Vorleben erhält man automatisch Munition gegenüber den renitenten Kleinen: “Mama und ich streiten uns auch. Aber hast du je gehört, dass wir uns so beschimpfen, wie ihr das tut? Ich hab sie jedenfalls noch nie ‘blöde Mistsau’ genannt!”

Neben einer gewissen Selbstdisziplin im täglichen Leben mit den lieben Kleinen heißt es für mich vor allem, von überzogenen Erwartungen an den Nachwuchs Abschied zu nehmen.

Tischsitten sind da ein Musterbeispiel: Für mich ist es immer ein schlechtes Zeichen, wenn sich Kinder im Gasthaus anders benehmen müssen, als sie das von daheim gewohnt sind. Die Kleinen sind eh aufgeregt, und sie wollen einen guten Eindruck hinterlassen – damit haben sie schon Stress genug! Da sollten sie nicht auch noch mit Tischmanieren kämpfen müssen, mit denen sie nicht vertraut sind. Das heißt für mich zum einen, dass es daheim so zivilisiert zugehen muss, dass man mit Standardmanieren in Standardrestaurants gehen kann – und eben Lokale zu meiden, die meine Kinder überfordern würden.

Wenn man gute Küche mag, kommt man vermutlich irgendwann dahin, dass Restaurants Dinge anbieten, die man zu Hause nicht macht: Der Gruß aus der Küche, die Schneckenzange, das Hummerbesteck. Aber wenn die Kinder in anderen Belangen sich unverkrampft im Restaurant wohlfühlen, kann man solche neuen Erfahrungen locker wegstecken: “Nein, du hast das nicht bestellt, aber es ist schon okay, du darfst es essen. Man nennt es ‘Gruß aus der Küche’, das beweist, dass wir in einem gehobenen Restaurant sind …” – wenn der Service was taugt, wird er das ohne Wimpernzucken hinnehmen. (Meine Kinder finden es übrigens super und spekulieren seit ihrer ersten Erfahrung mit Amusegueules bei jeder Familienfeier, ob das Lokal wohl so beschaffen ist, dass man einen Gruß aus der Küche erwarten darf …)

5. Rituale statt Regeln

Gerade wenn es um so Dinge wie Tischmanieren und Benehmen geht, stößt man irgendwann auf das Problem, dass neben unserer eigenen kleinen Familie eine große verderbte Welt da draußen besteht. Und Kinder sind gnadenlos bei sowas: “Uns sagst du immer, wir sollen die Suppe nicht schlürfen. Aber der Onkel Alois bei Omas Geburtstag hat auch geschlürft, und da hast du nichts gesagt!” Touché!

Ja, es gibt Menschen, die wir mögen und schätzen, bei denen wir aber Verhaltensweisen beobachten, die wir zu Hause nicht so dulden werden. Richtig glatt kommt man aus der Nummer nicht raus, aber Rituale sind ein Hilfskonstrukt: Bei Familie Levin gibt es Familienrituale; wir kuscheln nach dem Haareföhnen; wir haben Bienenwachskerzen am Weihnachtsbaum; wir schauen Freitags alle zusammen ‘Logo’ und essen Erdnussflips dazu. Und bei uns gibt es eben auch kein Suppeschlürfen und wir haben Fischbesteck und Buttermesser.

Wenn bei Freunden, Nachbarn und Verwandten andere Rituale herrschen, so sei es. Bei Kowalskis wird vorm Fernseher abendgegessen? Kommt bei uns nicht in Frage (außer es ist mindestens WM-Viertelfinale oder so …). Bei von Itzenplitzens haben sie Messerbänkchen und essen das Wurstbrot mit Messer und Gabel? Können sie gern machen, wir finden es aber übertrieben – wenn die Kinder partout Messer und Gabel zur Stulle haben wollen, bitte, dürfen sie natürlich.

6. Es bleibt kompliziert

Freilich rettet einen all das nicht vor Enttäuschungen und Rückschlägen. Und es wird alles nochmal verzwickt, wenn man direkt auf andere Eltern und Kinder stößt. Auch wir haben (wie Herr Brause) schon Urlaub mit anderen Familien gemacht und sind auf unterschiedliche Vorstellungen gestoßen. Das sind meist keine fundamentalen Unterschiede, sondern Feinheiten, was man den Kindern zumuten darf, wo man streng und konsequent sein will und wo nicht. Gibt es kurz vorm Abendessen noch ein Eis? Wir haben nein gesagt, die andern Kinder dürfen aber. Blöd.

Oder: Lokal. Erwachsenentisch und Kindertisch. Wir wollen, dass unsere zu Selbständigkeit erzogenen Kinder ihr Essen selbst auswählen und direkt beim Ober bestellen, die anderen Eltern bestellen aber gleich präventiv für ihre Kinder mit. Auch blöd.

Das Positive an solchen Situationen ist, dass die Kinder so auch lernen, dass es Ermessensspielräume gibt, dass das Leben manchmal ungerecht sein kann und dass Eltern einfach in bestimmten Dingen unterschiedlich ticken. Und dann kann es sogar passieren, dass zum Ende des Multifamilien-Urlaubs dein Kind zu dir kommt und dir sagt: “Ich bin übrigens froh, dass ihr uns nicht so behandelt wie Mias Eltern das mit ihr machen.”

Das fühlt sich dann gut an, richtig gut!

Vor ‘Reichsbürgern’ wird gewarnt

Ein “Reichsbürger” hat einen Polizisten erschossen. Der Aufschrei in den Medien ist erstaunlich (um nicht zu sagen) erschreckend gering.

Bisher hielt ich diese ‘Reichsbürger’ einfach nur für Spinner. Sie nehmen an, dass die legitime und kontinuierliche Regierung Deutschlands da anknüpfen muss, wo im Mai 1945 der letzte Reichskanzler des Deutschen Reiches, Karl Dönitz, in ein britisches Militärgefängnis wanderte und daher seinen Amtsgeschäften nicht mehr nachkommen konnte. Seit den Achtzigern finden wir eine Handvoll selbsternannter “kommissarischer Reichskanzler”, die ungeachtet der Realität da draußen Kabinettssitzungen abhalten, Reisepässe ausstellen und der Bundesrepublik ihre Existenzberechtigung absprechen.

Es scheint hier eine extreme Ausprägung eines verbreiteten Bedürfnisses vorzuliegen, das auch bestimmt einen komplizierten psychologischen Namen hat. Ich nenne es der Einfachheit halber mal “In meiner Badewanne bin ich Kapitän”. Das beginnt im Kindesalter mit Geheimklubs und dem YPS-Detektivausweis, zieht sich aber bei vielen bis über die Pubertät hinaus. Menschen (meist Männer) suchen sich ein kleines Parallel-Reich, in dem sie nach eigenem Gusto schalten und gestalten können. Wir finden das bei den Spielzeugeisenbahnbauern, die sich kleine idyllische Welten schaffen aus Zügen, Weichen und Fallerhäusern. Auch die Karnevalisten kreieren eine Parallelgesellschaft mit eigenen Ritualen, Hierarchien und Orden. Computerspiele simulieren Welten und erlauben es dem User, Königreiche zu aufzubauen, Kriege zu führen und Zivilisationen nachzuempfinden.

Gottlob haben diese kleinen Reiche ihre festdefinierten Grenzen. Wenn der Märklinfan aus seinem Keller hochkommt, arbeitet er wieder normal als Taxifahrer, und auch für die Karnevalisten ist am Aschermittwoch alles vorbei, und die Honoratioren des Elferrates tauschen ihre Karnervalsorden wieder gegen ihre Verdienstkreuze.

Das Bedenkliche an den ‘Reichsbürgern’ ist, dass ihre Welt mit der Staatsmacht da draußen gefährlich kollidiert. Wer richtig mitspielt bei den ‘Reichsbürgern’, lehnt die allgemein akzeptierte staatliche Ordnung in Deutschland ab, zahlt keine Steuern und schießt im schlimmsten Fall sogar auf Polizisten.

Dass dieser Unfug überhaupt entstehen konnte, verdanken wir der unübersichtlichen Situation Deutschlands nach dem Kriege.

Es gab ab 1949 zwei konkurrierende deutsche Staaten. Einer, die kommunistische DDR, scherte sich nicht groß um staatsrechtliche Fragen: In Ostberlin tat man, was Moskau befahl, insofern war jeder Souveränitätsgedanke ohnehin ein Witz. Mit dem alten Deutschen Reich hatte man schon deshalb nichts zu schaffen, weil man ideologisch und vor allem finanziell mit Ansprüchen gegen Nazideutschland nichts zu tun haben wollte. Nach eigenem Verständnis hatten Arbeiter und Bauern mit der DDR ein sozialistisches Gemeinwesen auf deutschem Grund geschaffen, und das war’s.

Ganz anders im Westen. Hier erfolgte die Staatsgründung wider Willen. Man wollte ein Gesamtdeutschland neu organisieren, strebte nach Einheit und Freiheit, und die DDR stand dem natürlich massiv im Wege. Also gründete man als Provisorium die Bundesrepublik, hielt sich aber juristisch alle Türen offen, um Moskau und Ostberlin keine Argumente für eine Zementierung des zweistaatigen Status Quo zu geben. Der Spagat zwischen bundesdeutscher Staatsordnung und dem Anspruch für ein einiges Deutschland zu sprechen, führte zu einigen juristischen Spitzfindigkeiten im Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland, die räumlich teilidentisch mit dem Deutschen Reich sei, ansonsten aber dessen Existenz fortführe, aber eben in diesem Zustand nach dem Grundgesetz von 1949 organisiert. Das klingt verzwickt und ist es auch.

Verfassungsrechtler müssen etliche Hirnwindungen verdreht haben, um dieses Konstrukt leidlich konsistent und stabil zu halten, besonders als es (auch im Westen) angegriffen wurde, wenn die Bundesrepublik Vereinbarungen traf, die Deutschland als Ganzes berührten – etwa mit den Ostverträgen von Willy Brandt in den frühen siebziger Jahren.

Irgendwo in den Verschwurbelungen des bundesrepublikanischen Staatsverständnisses aus der Zeit vor der Wiedervereinigung und den Verfassungsgerichtsurteilen dazu meinen die ‘Reichsbürger’ nun jene Lücken gefunden zu haben, die belegen sollen, dass sie völlig zu Recht Reichskanzler spielen dürfen und Frau Merkel ohne jede Rechtsgrundlage regiere und unser aller Personaldokumente lediglich Betriebsausweise eines Unternehmens seien.

Eine Menge kluger Leute hat in dieser komplizierten Materie so schlüssig wie es eben geht, argumentiert, dass die Annahmen der ‘Reichsbürger’ haltlos sind. Sie können bei Wikipedia nachlesen, warum genau.

Für mich ist das aber auch völlig ohne Belang. Denn was die ‘Reichsbürger’ versuchen, ist nichts anderes, als das klägliche Unterfangen, das Rad der Geschichte zurückzudrehen, indem sie sich auf Formfehler berufen. Zugestanden, formale Fragen spielen in unserem Zivil- und Gesellschaftsrecht eine wesentliche Rolle. Wer ein Haus kauft, kann das nicht per Handschlag tun, sondern muss zum Notar. Aber im Völkerrecht herrschen eben andere Regeln. Da es keine übergeordnete Weltregierung und -verwaltung gibt, muss man auf gegenseitiges Einverständnis hoffen, sonst gilt eben die normative Kraft des Faktischen. Wenn die Vietcong und die Vereinigten Staaten nicht schriftlich den Kriegszustand ausgerufen haben, wird dann der Vietnamkrieg nachträglich ungültig? Wenn Moses für die Zehn Gebote keine Empfangsquittung ausgestellt hat, heißt das, wir dürfen dann nach Herzenslust stehlen und ehebrechen?

Nur weil eine Idee abwegig oder dumm scheint, ist sie deswegen nicht ungefährlich. Diese Lektion sollten wir spätestens seit dem Holocaust gelernt haben, als der komplett abstruse Gedanke, an allem Unglück auf Erden seien die Juden schuld, in Deutschland zum Dogma wurde und dazu führte, dass eine staatlich organisierte Vernichtungsmaschine Millionen von Menschen umbrachte.

Über Nobelpreise, Eheversprechen und Ferienwohnungen

Der Wirtschaftsnobelpreis 2016 ist an Oliver Hart und Bengt Holmström gegangen. Eine gute Wahl, schon weil mir die Namen und deren Forschung ausnahmsweise mal etwas sagen. Außerdem wurde ein Thema honoriert, das uns alle betrifft: Die unvollständigen Verträge.

Wie so oft in der ökonomischen Theorie schaut es mau aus, wenn man nach einer griffigen Erklärung für Unbedarfte sucht. Aber Sie haben ja das Glück, hier mitzulesen …

Das Leben besteht aus einer Reihe von Verträgen und Vereinbarungen. Jedenfalls für die Vertragstheoretiker.

Ich stehe morgens auf, frühstücke und verabschiede mich dann von meiner Frau: “Ich komm gegen sieben zum Abendessen heim. Wein und Salat bring ich mit. Bussi!”

Hier haben wir schon die erste Vereinbarung: Ich sage meiner Frau mein Kommen und den Beitrag von Salat und Wein zu, meine Frau (die früher zuhause sein wird) bereitet den Rest des Abendessens vor. Wenn ich erst um neun betrunken heimkomme, werde ich Ärger bekommen, weil ich meinen Teil der Vereinbarung nicht erfüllt habe.

Diese kleine Verabredung ist Teil des Rahmenvertrages “Ehe”, den meine Frau und ich vor geraumer Zeit geschlossen haben. Wir versprachen, uns zu lieben und zu achten, in guten wie in schlechten Zeiten … naja, Sie kennen den Text.

Nachdem ich das Haus verlassen habe, gehe ich zur U-Bahn, um in die Arbeit zu fahren. Wieder ein Vertrag: Ich zahle meine Fahrkarte, die Verkehrsbetriebe transportieren mich dafür. Ich finde übrigens, dass sie ihren Teil unserer Vereinbarung ausgesprochen schlecht erledigen: Zugausfälle, Verspätungen, volle Züge … eigentlich sollte ich den Vertrag kündigen, aber es gibt leider keine Alternative für mich, also füge ich mich grummelnd.

Ich komme ins Büro und setze mich an meinen Schreibtisch. Auch meine Arbeit basiert auf einem Vertrag, den hab ich sogar unterschrieben und schwarz auf weiß zu Hause.

Das Spannende ist, dass Verträge explizit nur einen Bruchteil der Vertragsbeziehung regeln können. Mein Arbeitsvertrag etwa hat sechs Seiten, darin steht meine Position, das Gehalt, der Urlaubsanspruch und die Kündigungsregeln.

Wie ich meinen Job erledigen soll, ist natürlich nicht vertraglich geregelt. Welche Kaffeepausen toleriert werden, wieviel ich mit meinen Kollegen privat schwätze, ob ich jetzt erst die Aufstellung für die Bereichsleiterrunde mache oder die Tagesergebnisse unserer Bundesligatipprunde herumschicke, all das steht nirgendwo geschrieben – es beeinflusst aber die Wahrnehmung meiner Arbeitsleistung und das Bild, das mein Chef von mir hat und damit meine Aufstiegschancen und mein künftiges Gehalt.

Die Vertragstheorie versucht, diese Verhältnisse zu erkunden und Gestaltungsmöglichkeiten zu entwickeln, damit die impliziten Erwartungen an den Vertragspartner zu einem guten Ergebnis führen. Erfolgsbeteiligungen, variable Vergütungen, Bonusregelungen sind solche Instrumente im Arbeitsleben. In anderen Situationen des Wirtschaftslebens versucht man, Interessen durch so etwas wie Selbstbehalte und Schadensrabatte bei Versicherungen zu erzielen oder durch Kautionszahlungen bei Vermietungen.

Ein besonders beliebtes Forschungsgebiet für die Ökonomen ist die angemessene Vergütung von Topmanagern. Wie bringt man jemanden dazu, sein Bestes zu geben, Erfolge zu erzielen und im besten Sinne des Unternehmens zu handeln? Wie gestaltet man fixe und variable Komponenten, Vertragslaufzeiten usw. so, dass das Geld der Anteilseigner bestmöglich investiert ist?

Vieles an unvollständigen Verträgen bleibt Auslegungssache. Das merken Sie nicht nur, wenn Sie mit Ihrer Leistungsbeurteilung im Job ganz und gar nicht einverstanden sind. Sie erleben es auch, wenn Sie nach Nutzungsende mit einem Vertreter einer Leasingfirma Ihr Auto zurückgeben. Da entdecken Sie Abgründe an Kleinlichkeit – während Sie sagen, dass das Auto für drei Jahre Fahren und 120.000 km in tadellosem Zustand ist, notiert der Leasingfirmenfuzzi immer neue Lackschäden, Kratzerchen und Schönheitsfehler, die den Rücknahmewert zusammenschmelzen lassen!

Das gilt übrigens auch für implizite Verträge (die weitaus überwiegende Mehrheit unseres Lebens besteht aus impliziten Vereinbarungen): Als meine Frau und ich geheiratet haben, war das eine Grundübereinkunft, in gegenseitiger Achtung und Zuneigung zusammenzuleben. Wer an diesem Donnerstag den Kleinen vom Kindergarten abholt, haben wir damals nicht geregelt. Die Feinheiten müssen sich finden, und wenn das dauerhaft nicht gelingt, muss der Vertrag eben per Scheidung beendet werden.

Auch so etwas wie Bonusregelungen haben Sie in ihrem impliziten Ehevertrag. Glauben Sie nicht? Na, dann denken Sie mal an üppige Blumensträuße, besondere sexuelle Gefälligkeiten oder daran, wie Sie brav und still zu Tante Annelieses Siebzigsten mitgekommen sind …

Der Dreh- und Angelpunkt beim Abschluss unvollständiger Verträge ist fehlende Information. Wenn ich genau weiß, was ich von meinem Vertragspartner erwarten kann, ist so ein Vertrag eine unkomplizierte Sache. Eine Dose Cola im Supermarkt zu kaufen etwa ist einfach. Ich weiß, wie die Cola schmecken wird, ich weiß, wieviel in der Dose drin ist und ich kann erfühlen, wie stark die Dose gekühlt ist.

Wenn ein Unternehmen einen neuen Mitarbeiter anstellen will, ist die Lage ganz anders. Ist der Kandidat für den Job geeignet, werden wir mit ihm zufrieden sein? Hier ist zum einen das finanzielle Risiko höher, weil ein Arbeitsvertrag ja über lange Zeit läuft (im Gegensatz zu meinem Einmalkauf der Coladose). Wenn der Mitarbeiter sich als unpassend herausstellt, muss das Unternehmen außerdem Zeit und Geld investieren, um passenden Ersatz zu finden. Also versuchen Arbeitgeber, soviel wie möglich über den Kandidaten zu erfahren: Sie schauen sich seine Zeugnisse und Referenzen an, prüfen seine Persönlichkeit und fachlichen Kenntnisse in Vorstellungsgesprächen und Einstellungstests. Schließlich vereinbaren sie eine Probezeit oder Probearbeiten, um ihn möglichst genau kennenzulernen, bevor sie eine langfristige Verpflichtung eingehen.

Umgekehrt stellt sich das Problem gleichermaßen: Bevor man als Angestellter zu einem Unternehmen geht, wird man in Erfahrung bringen, was einen erwartet, wie das Arbeitsklima ist usw. Man googelt also, fragt Bekannte, sucht Erfahrungsberichte, schaut sich Arbeitgeberbewertungen an.

Und auch im impliziten Bereich stellt sich das Problem gleichermaßen: Taugt der Schwarm zum Ehepartner? Wird er Vater / Mutter meiner Kinder sein? “Drum prüfe, wer sich ewig bindet …” – nichts anderes ist der Versuch fehlende Informationen über die Qualitäten des Vertragspartners auszugleichen.

Bestimmt haben Sie auch schon mal Verträge abgeschlossen, bei denen Sie wegen fehlender Information ein ungutes Gefühl hatten. Mir geht das immer wieder vor dem Urlaub so. Hotel oder Ferienhaus werden im Prospekt bzw. im Internet natürlich in den höchsten Tönen angepriesen; immer wieder ist ein Haken dabei, den man aber erstmal finden muss.

Das Internet hat viel beigetragen, um Informationsdefizite zu beheben. Jedes Produkt wird tausendfach bewertet und analysiert. Das hilft – etwa wenn man Reiseberichte lesen kann, bevor man sich für ein Urlaubsziel entscheidet. Wenn das Ferienhaus x gute Bewertungen erhalten hat und alle schreiben, wie nett und unkompliziert der Vermieter sei, fällt mir die Entscheidung leichter.

Damit hebt sich das Problem der unvollständigen Verträge und der Informationsasymmetrie aber auf eine neue Ebene: Wenn gute Bewertungen einen Vorteil bringen, dann werden sie eben erkauft. Und schon wird man als Konsument wieder misstrauisch, ob all die 5-Sterne-Hymnen nicht über irgendeine PR-Agentur veranlasst wurden?

Wieder kann man das Spielchen umgekehrt genauso spielen: Ein Ferienhausvermieter berichtete mir mal von Kunden, die vor Ort plötzlich einen saftigen Nachlass verlangten; andernfalls würden sie das Objekt im Netz extra schlecht bewerten. Als Vermieter ist man da praktisch wehrlos, denn wenn man wahrheitsgemäß widerspricht, erhalten potenzielle Kunden das Bild eines zänkischen Rechthabers und Streithansels …

Rund um diese großen Themen drehen sich die Forschungsarbeiten der Herren Hart und Holmström. Sie haben die Mechanismen unvollständiger Verträge in Formeln gepackt und generalisiert. Dass sich diese Aufsätze meist nicht so spannend lesen, wie es dieses äußerst relevante Thema eigentlich verdient, liegt vermutlich am wissenschaftlichen Anspruch. Aber um den müssen wir uns ja hier gottlob nicht scheren.

Interrail von der EU? Eine tolle Idee. Und bezahlbar dazu!

Der Fraktionschef der Christdemokraten im Europaparlament, Weber, hat vorgeschlagen, jedem Unionsbürger zum 18. Geburtstag ein Interrail-Ticket zu schenken. Das finden viele andere gut, aber es kostet halt, wenden Kritiker ein. Unfug! (Also das mit den Kosten, nicht die Idee, an sich – die finde ich gut!)

Interrail ist klasse. Und wenn alle jungen Unionsbürger die Gelegenheit bekommen, umsonst ihre Nachbarn zu besuchen, kann das der europäischen Idee nur guttun. In der Sache habe ich noch keinen Widerspruch gehört. Nur die Kosten! Denn, so die Bedenkenträger, pro Jahr werden in der EU derzeit rund 5,4 Millionen Menschen 18 Jahre alt. Und wenn nur die Hälfte bis zwei Drittel der Achtzehnjährigen das Geschenk annehmen sollte, würde die Aktion 1 bis 1,5 Milliarden Euro kosten.

Das ist natürlich eine Menge Geld! Aber heiliger Bimbam! Liebe Politiker! Habt ihr denn gar nicht aufgepasst bei Kostenrechnung? Oder habt ihr alle bloß Jura studiert?

Gehen wir mal zum Ordner mit den Unterlagen aus dem Grundstudium der Wirtschaftswissenschaften vor vielen vielen Jahren. Auf dem Papier mag so ein Interrailticket für einen Monat knapp 500 Euro kosten. Aber die EU sollte die Tickets doch deutlich billiger bekommen …

Aus Kostensicht ist der Großteil der Interrailkosten nämlich fix. Die Gleise des europäischen Bahnnetzes sind verlegt, die Bahnhöfe stehen, und die Züge, mit denen Europas Jugend fahren will, sind ohnehin unterwegs – mit oder ohne EU-Interrailer. Die erhöhte Abnutzung dürfte angesichts des sonstigen Verkehrsaufkommens nicht ins Gewicht fallen. Reservierungsansprüche gibts keine (die muss man extra kaufen), also nimmt die Jugend den übrigen Reisenden auch nicht die Sitzplätze weg. Für die Bahnunternehmen entstehen echte Kosten damit nur dann, wenn ein Jugendlicher sich das Ticket, das er geschenkt bekommt, auch vom eigenen Geld gekauft hätte, wenn er es nicht geschenkt bekommen hätte. Die Ökonomen nennen das Opportunitätskosten.

Jährlich knapp 250.000 Interrailtickets wurden in den vergangenen Jahren in Europa verkauft. Man muss unter 26 sein, um eins zu bekommen – und wir nehmen mal an, unter 16 werden die wenigsten Jugendlichen auf eigene Faust quer durch Europa reisen dürfen. Macht also für die 16- bis 26-Jährigen eine Altersspanne von zehn Jahren. Damit entfallen rein rechnerisch etwa 25.000 Tickets auf die Gruppe der 18-Jährigen, die wir im Auge haben. Lassen wir es 30.000 sein, wenn wir annehmen, dass die 18-Jährigen die Reisefreudigsten ihrer Kohorte sind (und weil es sich dann einfacher rechnet). Damit kostet der Spaß nicht 1,5 Milliarden, sondern 30.000 mal 500 = 15 Millionen Euro. Mit 15 Mio EUR müsste man die Bahngesellschaften entschädigen, denen das Geschäft mit Interrailtickets für 18-Jährige wegbrechen wird.

15 Millionen Euro gibt die EU vermutlich für das Wässern der Grünpflanzen in den Gängen des Kommissionsgebäudes aus oder für Werbung für Urlaub in Sachsen-Anhalt oder als Subventionen für schwedische Giraffenzüchter. 15 Millionen sind für Europa nichts! Das  Interrailen aber könnte etwas werden für Europas Jugend – es ist jedenfalls eine sinnvolle und gute Idee, junge Europäer einander näher zu bringen.